Es gibt keinen Sensor für „gefühlt“
Lufttemperatur wird gemessen — gefühlte Temperatur wird gerechnet. Jeder Wert entsteht aus einer Formel mit fest angenommenen Randbedingungen. Der DWD formuliert es so:
„Die Gefühlte Temperatur beschreibt das Temperaturempfinden eines Menschen. Dieses stimmt häufig nicht mit der gemessenen Lufttemperatur überein, da das Empfinden neben der Lufttemperatur auch von den meteorologischen Größen Luftfeuchte, Wind und Strahlung sowie dem menschlichen Verhalten (insbesondere der Aktivität und Bekleidung) bestimmt wird.“ — DWD
Deshalb ist wichtig zu wissen, welches Modell hinter einer Zahl steckt und was es unterstellt. Kein Modell gilt für alle Bedingungen: Für Kälte rechnet man anders als für Hitze.
Der deutsche Ansatz: das Klima-Michel-Modell (DWD)
Der DWD berechnet seine gefühlte Temperatur mit dem Klima-Michel-Modell (VDI 1998), das auf der Behaglichkeitsgleichung nach Fanger (1972) beruht. „Michel“ steht dabei für einen Standardmenschen — das Modell rechnet also die Wärmebilanz eines typischen Menschen aus, nicht deine persönliche.
Es berücksichtigt laut DWD „Lufttemperatur, Windgeschwindigkeit, Wasserdampfdruck, mittlere Strahlungstemperatur … und der metabolischen Rate sowie der Wärmeisolation der Bekleidung“. Der Clou: Die Bekleidung wird nicht fest angenommen, sondern „zwischen sommerlich leichter und winterlich dicker stets so variiert, dass sich der Mensch nach Möglichkeit behaglich fühlt“.
Warum das ehrlich ist
Weil das Modell die Kleidung mitdenkt, ist die gefühlte Temperatur des DWD über Kälte und Hitze hinweg konsistent — anders als die US-Modelle unten, die feste Annahmen treffen. Aber auch hier gilt: Es ist der Standardmensch, nicht du.
Kälte: der Windchill
Bei Kälte trägt der Wind zusätzlich Wärme von der Haut ab — es fühlt sich kälter an, als das Thermometer zeigt. Die heute gebräuchliche Windchill-Formel wurde 2001 gemeinsam vom US-Wetterdienst NWS und Environment Canada eingeführt (Lufttemperatur T in °C, Windgeschwindigkeit v auf 10 m in km/h):
W = 13,12 + 0,6215 · T − 11,37 · v0,16 + 0,3965 · T · v0,16
Wichtig für die Ehrlichkeit: Die Formel gilt nur in ihrem Gültigkeitsbereich — bei Temperaturen bis höchstens 10 °C und Wind über 4,8 km/h. Außerhalb davon (z. B. bei Windstille oder im Sommer) ergibt Windchill keinen sinnvollen Wert.
Wärme: der Hitzeindex (Heat Index)
Bei Hitze macht die Luftfeuchte den Unterschied: Ist die Luft feucht, verdunstet Schweiß schlechter, die Kühlung fällt aus. Der US-Wetterdienst NWS beschreibt das mit dem Hitzeindex (Heat Index) — und ist dabei bemerkenswert offen, dass es ein Modell ist:
„No true equation for the Heat Index exists. Heat Index values are derived from a collection of equations that comprise a model.“ — NWS
Der Hitzeindex unterstellt feste Annahmen — unter anderem eine bestimmte Bekleidung (rund 84 % Körperbedeckung), eine feste Aktivität (Gehen mit ~3,1 mph) und einen festen Wind (5 Knoten). Ändert sich das, stimmt der Wert nicht mehr. Die Regressionsgleichung dahinter (Rothfusz) hat laut NWS zudem eine Unschärfe von ±1,3 °F. Die vollständige Formel steht bewusst nur bei der NOAA-Quelle — wir tippen keine neun Konstanten ab, bei denen ein einziger Zahlendreher die ganze Aussage kippen würde.
Die NWS ordnet den Hitzeindex in Gefahrenstufen ein (Werte im Schatten):
| Stufe | Hitzeindex |
|---|---|
| Vorsicht (Caution) | 80–90 °F |
| Erhöhte Vorsicht | 90–103 °F |
| Gefahr (Danger) | 103–124 °F |
| Extreme Gefahr | ab 125 °F |
In direkter Sonne kann der Hitzeindex laut NWS um bis zu 15 °F höher liegen. Die Grenzen stehen bewusst in °F — so veröffentlicht die NWS sie; gerundete °C-„Grenzen“ wären nur eine Umrechnung und keine amtlichen Werte. Für Deutschland ist die DWD-gefühlte-Temperatur (oben) das passendere Maß; Hitzewarnungen behandelt die Seite Hitze.
Wer statt eines Modells mit festen Annahmen eine rein physikalische Größe für feuchte Hitze sucht: Die Kühlgrenze (Feuchtkugeltemperatur) ist die tiefste Temperatur, auf die Verdunstung kühlen kann — keine gefühlte Temperatur, sondern eine Eigenschaft der Luft. Der Kühlgrenz-Rechner rechnet sie mit offener Formel aus und ordnet die viel zitierte 35-Grad-Grenze ein.
Was du dir merken solltest
Drei ehrliche Punkte
1. „Gefühlt“ ist immer ein Modell, keine Messung. Es gibt keinen Sensor dafür — jeder Wert kommt aus einer Formel mit festen Annahmen.
2. Die Modelle widersprechen sich in ihren Annahmen. Klima-Michel variiert die Kleidung; der Hitzeindex fixiert Kleidung, Aktivität und Wind. Ein „gefühlter“ Wert gilt nur für den jeweils modellierten Standardmenschen — nicht individuell.
3. Es gibt keine einzige Formel für alle Lagen. Kälte rechnet der Windchill (nur bis 10 °C, Wind > 4,8 km/h), Wärme der Hitzeindex/Klima-Michel. Und beide tragen eine Unschärfe (Hitzeindex ±1,3 °F).
Quellen
Definitionen, Formeln und Schwellen stammen aus amtlichen Primärquellen:
DWD – Gefühlte Temperatur / Klima-Michel · NWS – Windchill-Formel (PDF) · Environment Canada – Wind Chill Index · NWS – Heat Index · NWS – Heat-Index-Gleichung (Rothfusz, PDF)
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