Drei Antworten — eine davon ist gemeint
„Morgen 30 % Regen.“ Was heißt das? Drei Lesarten sind verbreitet:
- Es regnet 30 % der Zeit, also etwa sieben von 24 Stunden. — Nicht gemeint.
- Es regnet auf 30 % der Fläche der Region. — Nicht gemeint (jedenfalls nicht allein, siehe unten).
- An 3 von 10 Tagen mit dieser Vorhersage regnet es an deinem Ort, an 7 bleibt es trocken. — Das ist gemeint.
Dass das nicht selbstverständlich ist, zeigt eine Umfrage, die Gerd Gigerenzer und Kollegen 2005 in Amsterdam, Athen, Berlin, Mailand und New York gemacht haben: Nur in New York wählte eine Mehrheit die gemeinte Lesart — dort wird die Wahrscheinlichkeit seit Jahrzehnten im Wetterbericht genannt. In den europäischen Städten dachten viele an Zeit oder Fläche. Das Problem ist nicht, dass Menschen nicht rechnen können, sondern dass die Zahl nicht sagt, worauf sie sich bezieht.
Ausprobieren: x von 51 Läufen
Die Startseite schreibt die Wahrscheinlichkeit als Bruch: Wie viele der 51 Rechnungen des ECMWF-Ensembles haben Regen? Schieb den Regler und sieh, was die Zahl heißt.
Warum 51? Das ECMWF-Ensemble rechnet dasselbe Wetter 51-mal mit leicht veränderten Startwerten. Wie so ein Fächer entsteht, zeigt Der Ensemble-Fächer. Eine Wahrscheinlichkeit aus Rechnungen ist nur so gut wie die Rechnungen — ob sie stimmt, zählt die Regenprobe nach.
Dieselben 51 Läufe sagen auch etwas über die Menge: Wie viele Liter jeder von ihnen in deine Regentonne brächte und in wie vielen sie voll wird, zeigt der Regentonnen-Rechner.
Bis zum 30.09.2026 rundete der Rechner stur auf Zehntel: Bei 1 oder 2 Läufen stand „an etwa 0 von 10“, bei 49 oder 50 „an etwa 10 von 10“ — obwohl erst 51 von 51 „alle“ heißt. Dort steht jetzt „weniger als 1 von 10“ bzw. „mehr als 9 von 10“.
Warum die Zahl nicht überall dasselbe misst
Selbst wer die Lesart kennt, muss wissen, wofür die Zahl gilt. Drei Dinge unterscheiden sich von Anbieter zu Anbieter:
- Ab welcher Menge es als Regen zählt. Üblich ist „messbar“, meist ab 0,1 mm — die Startseite zählt je Stunde jede Rechnung mit mehr als 0 mm, die Regenprobe prüft Tage ab 0,1 mm.
- Für welchen Zeitraum: eine Stunde, sechs Stunden, den ganzen Tag. Eine Tageswahrscheinlichkeit ist immer mindestens so hoch wie die höchste Stundenwahrscheinlichkeit — „30 % heute“ und „30 % um 15 Uhr“ sind verschiedene Aussagen.
- Für welche Fläche: einen Punkt oder ein Gebiet. Der US-Wetterdienst etwa bildet seine Zahl als Produkt aus zwei Größen — wie sicher es irgendwo im Gebiet regnet und welcher Anteil der Fläche nass wird. Die Lesart „Fläche“ steckt dort also wirklich mit drin, aber nie allein.
Weil das selten dabeisteht, sind die Regenwahrscheinlichkeiten zweier Apps kaum vergleichbar — mehr dazu auf Warum Wetter-Apps sich widersprechen.
Ausprobieren: Eine ganze Woche
Jeden Tag „nur“ 20 % — kann man das Fahrrad die ganze Woche draußen lassen? Kleine Wahrscheinlichkeiten summieren sich schneller, als man denkt.
Bis zum 30.09.2026 hing am Ergebnis immer der Satz „Die echte Zahl liegt deshalb meist darunter“ — auch bei einem einzigen Tag, bei 0 % und bei 100 %, wo es nichts zusammenzurechnen gibt und die Abhängigkeit der Tage nichts ändert. Jetzt steht er nur noch, wo er zutrifft.
Was eine Wahrscheinlichkeit nicht kann
Eine einzelne Vorhersage mit 30 % kann weder „stimmen“ noch „falsch sein“: Regnet es, war das einer der drei Tage; bleibt es trocken, einer der sieben. Prüfen lässt sich eine Wahrscheinlichkeit nur über viele Tage — genau das macht die Regenprobe mit dem eigenen Archiv. Und sie sagt nichts über die Menge: 90 % für einen Tropfen und 30 % für ein Unwetter können beide stimmen. Für die Menge gibt es Warnungen (Warnungen verstehen).
Dieselbe Prüfung kannst du an dir selbst machen, mit Temperaturspannen statt Regen: Im Spannen-Quiz gibst du für vergangene Tage eine 80-%-Spanne an und siehst am Ende, wie oft du getroffen hast — und warum zehn Runden dafür noch wenig beweisen.
Quellen
Umfrage: Gigerenzer, G., Hertwig, R., van den Broek, E., Fasolo, B. & Katsikopoulos, K. V. (2005): „A 30% chance of rain tomorrow“: How does the public understand probabilistic weather forecasts? Risk Analysis 25(3).
Definition des US-Wetterdienstes (Wahrscheinlichkeit als Produkt aus Sicherheit und Flächenanteil): National Weather Service, weather.gov.
Ensemble: ECMWF-Ensemble mit 51 Rechnungen, abgefragt über Open-Meteo (siehe Methodik).
Verwandt: Regenprobe · Der Ensemble-Fächer · Warum Wetter-Apps sich widersprechen.