Fortschreiben statt rechnen
Ein großes Wettermodell braucht Stunden, um zu rechnen, und sein Gitter ist gröber als ein einzelner Schauer. Für die unmittelbare Zukunft geht man deshalb anders vor: Man nimmt die letzten Radarbilder, bestimmt, wohin und wie schnell sich die Regengebiete bewegt haben, und schiebt das aktuelle Bild in diese Richtung weiter. Das ist der Nowcast — eine Verlängerung der Gegenwart, keine Berechnung der Physik. Der DWD betreibt dafür das Produkt NowCastMIX, das alle fünf Minuten neu entsteht.
Für die ersten Minuten bis etwa eine Stunde ist das oft besser als jedes Modell, weil es mit dem echten, gemessenen Regen startet. Wie das in die gesamte Vorhersagekette passt, steht auf Wie eine Vorhersage entsteht.
Woran der Nowcast scheitert
- Neue Zellen. Der Nowcast kann nur verschieben, was schon da ist. Ein Gewitter, das in zwanzig Minuten über deinem Ort entsteht, kennt er nicht. An schwülen Sommernachmittagen, wenn überall neue Zellen aufquellen, verliert er deshalb schnell an Wert (Hitzegewitter).
- Wachsen und Zerfallen. Eine einzelne Gewitterzelle lebt oft nur eine knappe Stunde. Ein Nowcast, der sie weiterschiebt, schiebt sie unter Umständen noch weiter, wenn sie längst zerfallen ist — oder unterschätzt, wie stark sie noch wird.
- Berge und Küsten. Wo Gelände Luft zum Aufsteigen zwingt, entsteht Regen an festen Stellen neu, statt nur durchzuziehen. Geradliniges Fortschreiben passt dort schlecht.
- Was das Radar selbst falsch sieht. Der Radarstrahl steigt mit der Entfernung, weit weg misst er in einigen Kilometern Höhe — Regen, der darunter verdunstet oder erst darunter entsteht, sieht er nicht. Dazu kommen Echos von Bergen, Windrädern oder Vogelschwärmen. Mehr dazu auf Wetterradar.
Minutengenau ist nicht minutengenau
„Regen ab 14:37“ klingt präzise. Ehrlich wäre: „wenn der Schauer so weiterzieht wie in der letzten halben Stunde, erreicht er dich in etwa einer Viertelstunde — vielleicht früher, vielleicht gar nicht“. Je weiter voraus, desto größer die Unsicherheit, genau wie bei der großen Vorhersage. Die Startseite zeigt die NowCastMIX-Meldungen des DWD deshalb mit ihrem Zeitfenster statt mit einer Minute — und bei ruhiger Lage gar nichts, weil es dann nichts zu melden gibt. Warum eine einzelne Zahl allgemein zu viel verspricht, erklärt Warum Wetter-Apps sich widersprechen.
Bei Gewitter: Nowcast nicht mit Warnung verwechseln
Ein Nowcast sagt, wo es wahrscheinlich regnet. Ob ein Gewitter gefährlich wird, sagt die amtliche Warnung des DWD — und bei Blitzen gilt ohnehin: Wer den Donner hört, ist in Reichweite (Warnungen verstehen).
Quellen
DWD, NowCastMIX und Radarverbund — dwd.de (siehe auch die Belege auf Wie eine Vorhersage entsteht und Wetterradar).
Die Angaben sind zusammengefasst, nicht wörtlich zitiert.