Schneefallgrenze: warum sie tiefer liegt als die Nullgradgrenze

Die meistgestellte Winterfrage lautet nicht „wird es kalt“, sondern „schneit es bei mir oder regnet es“. Die Antwort hängt an einer Höhe — und an einem Missverständnis: Die Nullgradgrenze, die in jeder Vorhersage steht, ist nicht die Schneefallgrenze. Der Schnee fällt darunter weiter, mehrere hundert Meter lang, bevor er zu Regen wird. Wie weit, sagt der Deutsche Wetterdienst in drei Artikeln, die diese Seite wörtlich zitiert.

Zwei Grenzen, die gern verwechselt werden

Die Nullgradgrenze ist die Höhe über dem Meer, in der die Lufttemperatur 0 °C erreicht. Sie ist eine Modellgröße der freien Atmosphäre und lässt sich berechnen. Die Schneefallgrenze ist etwas anderes — keine Linie, sondern eine Schicht. Der DWD schreibt:

„Um die Schneefallgrenze, genauer gesagt die Schmelzschicht, in der der Schnee vollends in die flüssige Phase übergeht, zu bestimmen, muss zunächst die Nullgradgrenze berechnet werden.“ […] „Hat man diese Modellberechnungen nicht zur Hand, kann als Richtwert eine etwa 200 bis 300 m dicke Schmelzschicht unterhalb der Nullgradgrenze angenommen werden.“ Deutscher Wetterdienst, Thema des Tages „Bestimmung der Schneefallgrenze“, 20.01.2015

Und elf Jahre später, mit derselben Zahl — und einem ehrlichen Vorbehalt dazu:

„Prinzipiell gibt es zunächst die einfache Faustformel, dass Schnee bis ca. 200, manchmal auch knapp 300 m unter die sogenannte Nullgradgrenze fällt, bevor er schmilzt und zu Regen wird. Diese Methodik wurde empirisch bestimmt und erweist sich daher in der Praxis nicht immer als hilfreich, da die Schneefallgrenze nicht selten tiefer liegt, als es die zuvor berechnete Nullgradgrenze verlauten lässt.“ M.Sc. Oliver Reuter, Deutscher Wetterdienst, Thema des Tages „Die Schneefallgrenze“, 11.02.2026

Eine dritte Fassung derselben Regel arbeitet mit der Temperatur statt mit Metern: Wann ist der Schnee komplett in Regen übergegangen?

„Eine meteorologische Faustregel besagt, dass dies der Fall ist, wenn die Lufttemperatur bei zwei Grad liegt. Mit anderen Worten: Die Schneefallgrenze liegt zwischen der Null- und der Zwei-Grad-Grenze.“ Dipl.-Met. Martin Jonas, Deutscher Wetterdienst, Thema des Tages „Schneefallgrenze“, 27.10.2017
Schematische Skizze: ein Bergprofil, darüber die Nullgradgrenze als gestrichelte Linie, darunter ein Band von 200 bis 300 Metern Schmelzschicht. Oberhalb fällt Schnee, im Band mischt sich Schnee mit Regen, unterhalb fällt Regen. Nullgradgrenze (0 °C) Schmelzschicht: laut DWD-Richtwert etwa 200 bis 300 m dick hier fallen Schnee, Schneeregen und Regen nebeneinander darunter: Regen darüber: Schnee Gipfel
Rein schematisch, nicht maßstäblich. Die Nullgradgrenze ist eine Höhe in der freien Atmosphäre; die Schneefallgrenze ist keine Linie, sondern eine Schicht darunter, in der die Flocken nach und nach schmelzen. Wie dick sie ist, hängt von Feuchte und Niederschlagsmenge ab — der DWD nennt als Richtwert 200 bis 300 m. Ein Hang, der durch dieses Band läuft, bekommt oben Schnee, in der Mitte Schneeregen und unten Regen, bei ein und derselben Wetterlage.

Warum Schnee überhaupt unter null Grad hinausfällt

Weil Schmelzen Energie kostet. Eine Flocke, die die Nullgradgrenze passiert, wird nicht schlagartig zum Tropfen; sie muss erst Wärme aus der Luft aufnehmen, und die Luft kühlt sich dabei ab. Der DWD beziffert das:

„Diese Schmelzwärme beträgt beim Wasser ziemlich genau 335 J/g und ist die mindestens benötigte Energie.“ […] „Besonders bei kräftigeren Niederschlägen (oder Schauern) wird ein hohes Maß an Schmelzwärme benötigt, um die zahlreichen Flocken zum Abtauen zu bringen.“ M.Sc. Oliver Reuter, DWD, Thema des Tages, 11.02.2026

Je mehr Schnee fällt, desto mehr Wärme wird der Luft entzogen, desto weiter sinkt die Grenze — kräftiger Niederschlag drückt die Schneefallgrenze nach unten. Und ein zweiter Effekt kommt bei trockener Luft dazu:

„Bei einer nahezu gesättigten Luft, d. h. die relative Luftfeuchtigkeit beträgt 100 %, beginnt der Schmelzprozess direkt mit Erreichen der Nullgradgrenze. Ist die relative Luftfeuchte kleiner als 100 %, wird der Schneeflocke durch Sublimation (direkter Übergang von der festen Phase in die Dampfphase) Wärmeenergie entzogen, was zu einer Verzögerung des Schmelzprozesses führt.“ Deutscher Wetterdienst, Thema des Tages, 20.01.2015

Das ist der Grund für die „weiße Überraschung“: Trockene Luft unter der Nullgradgrenze, dann setzt kräftiger Niederschlag ein — und es schneit hunderte Meter tiefer, als die Nullgradgrenze allein vermuten ließe. Die Richtwerte oben sind deshalb, was der DWD sagt, dass sie sind: Richtwerte für den Fall, dass man keine Modellrechnung zur Hand hat.

Wie stark Verdunstung und Sublimation kühlen können, beschreibt die Kühlgrenze (Feuchtkugeltemperatur): Je trockener die Luft, desto tiefer liegt sie unter der Lufttemperatur — bei 3 °C und 50 % Feuchte schon knapp unter null. Nachrechnen lässt sie sich mit dem Kühlgrenz-Rechner; eine Schneefallgrenze macht sie allein nicht.

Die Nullgradgrenze für deinen Ort — und was der Richtwert daraus macht

Stundenwerte aus der Open-Meteo-Vorhersage (freezing_level_height, dazu precipitation, snowfall, temperature_2m) — derselbe Host wie auf der Startseite, kein neuer Fremdhost. Diese Seite rechnet keine eigene Schneefallgrenze: Sie zeigt die Nullgradgrenze des Modells und legt den DWD-Richtwert von 200 bis 300 m als Band darunter. Ob die Schmelzschicht an einem Tag dünner oder dicker ausfällt, kann sie nicht wissen.

Was diese Seite nicht behauptet

Quellen

Alle vier Adressen am 11.09.2026 selbst abgerufen (HTTP 200); die Zitate stehen dort wörtlich. Verwandt: Schnee (was Neuschnee, Schneedecke und Schneehöhe sind), Glätte & Schnee, Schneetage im langjährigen Verlauf, Inversion und Tauwetter.