Zwei Weltmodelle, ein Ort

Wie warm ist es in München im Januar? Die Frage klingt, als hätte sie eine Antwort. Sie hat zwei. Zwei große Forschungseinrichtungen haben unabhängig voneinander das Wetter der Vergangenheit nachgerechnet — und für denselben Punkt, denselben Monat und dieselben zwanzig Jahre kommen sie auf verschiedene Zahlen. Diese Seite stellt beide nebeneinander. Nicht, um eine davon zu widerlegen, sondern weil der Abstand zwischen ihnen die ehrlichste Auskunft ist, die man über das Klima eines Ortes bekommt.

Was hier gegen was antritt

Der Zeitraum entscheidet alles — und wird deshalb ausgelesen, nicht eingetippt

Ein Klimamittel ohne Zeitraum ist keine Zahl, sondern eine Behauptung. POWERs Klimatologie ist auf einen festen Zeitraum vorgerechnet, und der steht im Kopf der Antwort selbst (Feld header.range). Diese Seite liest ihn dort aus und baut die ERA5-Abfrage daraus — Tag für Tag dasselbe Fenster.

Der Fehlwert, der wie eine Messung aussieht

POWER meldet fehlende Werte nicht als null, sondern als −999. Den genauen Wert nennt die Antwort selbst im Feld header.fill_value. Wer ihn ungeprüft mitmittelt, bekommt Unsinn — und zwar gefährlich unauffälligen. Zum Nachrechnen an München: Aus den zwölf POWER-Monatswerten ergibt sich ein Jahresmittel von 8,43 °C. Fällt ein einziger Monat aus und wird sein −999 mitgemittelt, steht dort stattdessen −74,69 °C — ein Fehler von 83 K, entstanden aus einer Zeile, die keinen Verdacht erregt. Diese Seite liest den Fehlwert aus der Antwort, wirft ihn heraus, behandelt den Monat als Lücke — und schreibt unter die Auswertung, wie viele Monate das betraf. Auch wenn es null waren.

Oder einen dieser Orte anklicken — sie sind so gewählt, dass man den Effekt an ihnen durchspielen kann, vom Wattenmeer bis auf den Gipfel:

Die Seite lädt die Zahlen beim Öffnen selbst.

Im Flachland Zehntelgrade, im Gebirge ganze Grade

Probiert man die Orte oben der Reihe nach durch, fällt ein Muster auf, das keiner Erklärung durch Zufall zugänglich ist. Nachgemessen am 04.08.2026, jeweils Jahresmittel über 2001 bis 2020; die Höhe in Klammern ist die, die Open-Meteo dem Punkt gibt:

Je flacher das Land, desto einiger sind sich zwei völlig getrennt entstandene Rekonstruktionen der Vergangenheit. Über zwanzig Jahre und über die norddeutsche Tiefebene stimmen sie auf ein bis zwei Zehntelgrad überein — das ist, gemessen an dem, was hier alles schiefgehen könnte, bemerkenswert gut. Sobald das Gelände steigt, gehen sie auseinander.

Die POWER-Zahlen in dieser Liste sind POWERs eigene Jahreswerte (Feld ANN). Die Auswertung oben rechnet für beide Modelle stattdessen das Mittel der zwölf Monatsmittel, damit die Seiten nicht mit verschiedenen Rezepten gegeneinander antreten — das ergibt Abweichungen von wenigen Hundertstel Kelvin. Beide Zahlen stehen unter der Tabelle nebeneinander, damit der Unterschied nachvollziehbar bleibt statt zu verwirren.

Zwei Punkte, dieselbe Zelle: Garmisch und die Zugspitze

Der Grund für das Auseinanderlaufen lässt sich an einem Beispiel vorführen, das keine Erklärung mehr braucht. Beide Orte oben in der Liste — Garmisch-Partenkirchen (47,49° N / 11,10° O) und der Zugspitzgipfel (47,421° N / 10,985° O) — liegen in derselben POWER-Gitterzelle. Nachgemessen am 04.08.2026:

Und deshalb kippt beim Brocken sogar das Vorzeichen: POWERs Zelle dort liegt bei 185,9 m, während Open-Meteo denselben Punkt auf 1138 m setzt. Dort ist nicht Open-Meteo wärmer, sondern deutlich kälter. Keines der beiden Modelle ist also systematisch das wärmere — es kommt darauf an, in welche Richtung die Höhen auseinandergehen.

Ein Methodenunterschied, kein Fehler des einen

Die beiden Schnittstellen beantworten leicht verschiedene Fragen, und beide tun das korrekt:

Was übrig bleibt, wenn die Höhe abgezogen ist

Das ist der interessanteste Teil dieser Seite — und der, der ohne die Zerlegung unsichtbar bliebe. Stellt man beide Modelle rechnerisch auf dieselbe Höhe, verschwindet der große Gebirgsunterschied fast vollständig. Nachgemessen am 04.08.2026, Jahresmittel:

Der gesamte dramatische Gebirgsunterschied ist also im Kern Höhenbuchhaltung. Was danach stehen bleibt, sind ein paar Zehntelgrad — und das ist die echte Uneinigkeit zwischen zwei Weltmodellen.

Sie hat einen Jahresgang, und der ist an Orten mit fast gleicher Höhenzuordnung am saubersten zu sehen. In Berlin (POWER 49 m, Open-Meteo 37 m — die Höhe spielt hier kaum eine Rolle) ist Open-Meteo im Januar 1,5 K wärmer als POWER, im Juli aber 0,7 K kälter. Das Vorzeichen dreht sich im Lauf des Jahres. In München bleibt nach dem Höhenangleich im Januar +1,5 K und im September +0,1 K übrig. Beides zeigt dasselbe: Die beiden Modelle sind sich nicht nur über das Mittel uneins, sondern über die Schwankungsbreite über das Jahr. An allen drei nachgerechneten Binnenland-Orten fällt POWERs Jahresgang breiter aus als der von ERA5 — Abstand zwischen Juli und Januar: Berlin 21,2 gegen 19,1 K, München 19,9 gegen 18,6 K, Garmisch 19,8 gegen 19,1 K. Woran das liegt, lässt sich aus diesen zwei Zahlenreihen nicht beantworten, und diese Seite versucht es deshalb auch nicht. Ob es an allen Orten der Welt so ist, sagen drei Orte ebenfalls nicht.

Wie man die Bilder liest

Was diese Seite ausdrücklich nicht sagt

Quellen und Weiterlesen

Modell A: NASA POWER (Prediction Of Worldwide Energy Resources, NASA Langley Research Center), Endpunkt /api/temporal/climatology/point, community=RE, Parameter T2M, ALLSKY_SFC_SW_DWN, WS10M und PRECTOTCORR. Zugrunde liegende Reanalyse: MERRA-2. Kein Zugangsschlüssel, kein eigener Server. Der vorgerechnete Zeitraum wird aus header.range gelesen, der Fehlwert aus header.fill_value, und die Einheiten der Zusatzgrößen aus dem Feld parameters der Antwort — nichts davon ist in dieser Seite fest eingetragen.

Modell B: die keyless Archiv-Schnittstelle von Open-Meteo (Lizenz CC BY 4.0), Endpunkt archive-api.open-meteo.com/v1/archive, Feld temperature_2m_mean, timezone=UTC und ausdrücklich models=era5. Zugrunde liegende Reanalyse: ERA5 des ECMWF. Die Monatsmittel entstehen hier aus den Tageswerten; wie viele Tage in jeden Monat eingegangen sind, steht in der Tabelle. Die Ortssuche läuft über dieselbe Geocoding-Schnittstelle wie auf den übrigen Seiten dieser Sammlung.

Warum eine Modellrechnung keine Messung ist, erklären Wettermodelle und Das Messnetz. Wie diese Sammlung mit Spannen statt mit Einzelwerten umgeht, zeigt der Feldbericht für Vorhersagen und Das Ensemble für die Streuung innerhalb eines Modells. Die zeitliche Entwicklung statt des Modellvergleichs behandeln Klimastreifen, Klimaprojektion und Klima. Wie diese Seite grundsätzlich mit Zahlen umgeht — und warum hier so viel dabeisteht, was sie nicht behauptet —, steht in Methodik & Quellen.