Zwei Weltmodelle, ein Ort
Wie warm ist es in München im Januar? Die Frage klingt, als hätte sie eine Antwort. Sie hat zwei. Zwei große Forschungseinrichtungen haben unabhängig voneinander das Wetter der Vergangenheit nachgerechnet — und für denselben Punkt, denselben Monat und dieselben zwanzig Jahre kommen sie auf verschiedene Zahlen. Diese Seite stellt beide nebeneinander. Nicht, um eine davon zu widerlegen, sondern weil der Abstand zwischen ihnen die ehrlichste Auskunft ist, die man über das Klima eines Ortes bekommt.
Was hier gegen was antritt
- NASA POWER gibt eine fertig vorgerechnete Klimatologie aus. Dahinter steht MERRA-2, die Reanalyse der NASA. Sie liefert den Wert ihrer Gitterzelle — also das, was im Mittel über eine Fläche von einigen tausend Quadratkilometern herauskommt.
- ERA5, die Reanalyse des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage, wird hier über das Archiv von Open-Meteo abgerufen. Die Monatsmittel rechnet diese Seite aus den Tageswerten selbst aus — es wird nichts übernommen, was sich nicht nachrechnen ließe.
- Eine Reanalyse ist kein Messwert. Sie ist der Versuch, das Wetter der Vergangenheit flächendeckend zu rekonstruieren: Ein Wettermodell läuft über Jahrzehnte durch und wird dabei fortlaufend an allem korrigiert, was tatsächlich gemessen wurde — Stationen, Ballone, Schiffe, Satelliten. Was dabei herauskommt, ist überall verfügbar, auch dort, wo nie jemand ein Thermometer aufgehängt hat. Der Preis dafür ist, dass es eine Rechnung bleibt.
- Die beiden wissen nichts voneinander. Verschiedene Modelle, verschiedene Gitter, verschiedene Verfahren, unterschiedliche Auswahl der eingerechneten Beobachtungen. Genau deshalb sagt es etwas, wenn sie sich einig sind — und ebenso etwas, wenn nicht.
Der Zeitraum entscheidet alles — und wird deshalb ausgelesen, nicht eingetippt
Ein Klimamittel ohne Zeitraum ist keine Zahl, sondern eine Behauptung. POWERs Klimatologie
ist auf einen festen Zeitraum vorgerechnet, und der steht im Kopf der Antwort selbst
(Feld header.range). Diese Seite liest ihn dort aus und baut die
ERA5-Abfrage daraus — Tag für Tag dasselbe Fenster.
- Warum nicht einfach fest eintragen? Weil der Zeitraum sich ändern kann. Verschiebt NASA ihn eines Tages auf eine neue Normalperiode, würde eine Seite mit fest eingetippten Daten stillschweigend zwei verschiedene Zeiträume vergleichen und dabei genauso ordentlich aussehen wie vorher. Hier wandert das ERA5-Fenster stattdessen mit, und der tatsächlich benutzte Zeitraum steht sichtbar unter jeder Auswertung.
- Lässt der Kopf sich nicht lesen, vergleicht die Seite gar nicht. Sie zeigt dann eine Meldung statt eines Diagramms. Ein Vergleich über ungeklärte Zeiträume wäre schlimmer als kein Vergleich, weil er wie einer aussieht.
- ERA5 wird ausdrücklich festgenagelt. Die Abfrage setzt
models=era5. Ohne diese Festlegung darf die Schnittstelle Modelle mischen — und dann stünde hier nicht Modell gegen Modell, sondern Modell gegen Mischung. Der Vergleich wäre wertlos.
Der Fehlwert, der wie eine Messung aussieht
POWER meldet fehlende Werte nicht als null, sondern als −999.
Den genauen Wert nennt die Antwort selbst im Feld header.fill_value. Wer ihn
ungeprüft mitmittelt, bekommt Unsinn — und zwar gefährlich unauffälligen.
Zum Nachrechnen an München: Aus den zwölf POWER-Monatswerten ergibt sich ein
Jahresmittel von 8,43 °C. Fällt ein einziger Monat aus und wird sein
−999 mitgemittelt, steht dort stattdessen −74,69 °C — ein Fehler von
83 K, entstanden aus einer Zeile, die keinen Verdacht erregt. Diese Seite liest den Fehlwert aus
der Antwort, wirft ihn heraus, behandelt den Monat als Lücke — und schreibt unter
die Auswertung, wie viele Monate das betraf. Auch wenn es null waren.
Oder einen dieser Orte anklicken — sie sind so gewählt, dass man den Effekt an ihnen durchspielen kann, vom Wattenmeer bis auf den Gipfel:
Die Seite lädt die Zahlen beim Öffnen selbst.
Im Flachland Zehntelgrade, im Gebirge ganze Grade
Probiert man die Orte oben der Reihe nach durch, fällt ein Muster auf, das keiner Erklärung durch Zufall zugänglich ist. Nachgemessen am 04.08.2026, jeweils Jahresmittel über 2001 bis 2020; die Höhe in Klammern ist die, die Open-Meteo dem Punkt gibt:
- Norderney (6 m): POWER 10,2 °C, ERA5 10,0 °C. 0,2 K auseinander.
- Hamburg (27 m): 9,2 gegen 9,8 — 0,6 K. Leipzig (111 m): 9,7 gegen 10,4 — 0,7 K.
- München (524 m): 8,5 gegen 9,6 — 1,1 K.
- Garmisch-Partenkirchen (710 m): 5,8 gegen 8,9 — 3,1 K.
Je flacher das Land, desto einiger sind sich zwei völlig getrennt entstandene Rekonstruktionen der Vergangenheit. Über zwanzig Jahre und über die norddeutsche Tiefebene stimmen sie auf ein bis zwei Zehntelgrad überein — das ist, gemessen an dem, was hier alles schiefgehen könnte, bemerkenswert gut. Sobald das Gelände steigt, gehen sie auseinander.
Die POWER-Zahlen in dieser Liste sind POWERs eigene Jahreswerte (Feld ANN). Die
Auswertung oben rechnet für beide Modelle stattdessen das Mittel der zwölf
Monatsmittel, damit die Seiten nicht mit verschiedenen Rezepten gegeneinander antreten
— das ergibt Abweichungen von wenigen Hundertstel Kelvin. Beide Zahlen stehen unter der
Tabelle nebeneinander, damit der Unterschied nachvollziehbar bleibt statt zu verwirren.
Zwei Punkte, dieselbe Zelle: Garmisch und die Zugspitze
Der Grund für das Auseinanderlaufen lässt sich an einem Beispiel vorführen, das keine Erklärung mehr braucht. Beide Orte oben in der Liste — Garmisch-Partenkirchen (47,49° N / 11,10° O) und der Zugspitzgipfel (47,421° N / 10,985° O) — liegen in derselben POWER-Gitterzelle. Nachgemessen am 04.08.2026:
- POWER antwortet für beide Punkte identisch: Zellhöhe 1207,46 m, Jahresmittel 5,75 °C (POWERs eigener ANN-Wert; aus den zwölf Monatswerten gemittelt 5,70 °C), und auch alle zwölf Monatswerte sind Ziffer für Ziffer dieselben. Für POWER sind Kurstadt und Gipfel derselbe Ort.
- Open-Meteo antwortet für dieselben zwei Punkte: Garmisch auf 710 m mit 8,87 °C, die Zugspitze auf 2924 m mit −5,52 °C. Das sind 14,4 K Unterschied innerhalb einer einzigen POWER-Zelle.
- Wie groß ist diese Zelle? Nachgemessen, indem der Abrufpunkt schrittweise verschoben wurde, bis die Antwort umsprang: Sie reicht von 47,25° bis 47,75° nördlicher Breite und von rund 10,94° bis 11,56° östlicher Länge — etwa 56 Kilometer in Nord-Süd- und rund 47 Kilometer in Ost-West-Richtung. In dieses Rechteck passen das Wettersteingebirge, mehrere Täler und der höchste Berg Deutschlands. Eine Zahl kommt heraus.
Und deshalb kippt beim Brocken sogar das Vorzeichen: POWERs Zelle dort liegt bei 185,9 m, während Open-Meteo denselben Punkt auf 1138 m setzt. Dort ist nicht Open-Meteo wärmer, sondern deutlich kälter. Keines der beiden Modelle ist also systematisch das wärmere — es kommt darauf an, in welche Richtung die Höhen auseinandergehen.
Ein Methodenunterschied, kein Fehler des einen
Die beiden Schnittstellen beantworten leicht verschiedene Fragen, und beide tun das korrekt:
- POWER liefert den rohen Gitterzellenwert. Die Frage lautet dort: Wie warm war es im Mittel über dieses Rechteck? Die Höhe, die die Zelle dabei annimmt, gibt POWER offen mit — sie steht in der Antwort und auf dieser Seite in der Höhengrafik.
- Open-Meteo rechnet auf die tatsächliche Höhe herunter. Die Frage lautet dort: Wie warm war es an diesem Punkt? Dazu wird die Höhe aus einem feinen Geländemodell genommen und die Temperatur mit einer festen Rate dorthin umgerechnet.
- Diese Rate wurde nachgemessen, nicht angenommen. Stellt man dieselbe Abfrage einmal ohne und einmal mit ausdrücklich vorgegebener Höhe, beträgt der Versatz exakt 0,650 K je 100 Meter — und er ist über alle zwölf Monate konstant (in Garmisch zwischen 3,234 und 3,243 K, also auf fünf Tausendstel genau gleich). Der Knopf Gegenprobe in der Auswertung oben ruft diese zweite Abfrage im Browser wirklich ab und hält das Ergebnis gegen die Rechnung dieser Seite. Man muss ihr also nicht glauben.
- Stimmt die feste Rate am Berg? Das ist eine andere Frage als die nach dem Rechenweg. Wie weit 0,65 K je 100 Meter zwischen den Messstationen Garmisch-Partenkirchen und Zugspitze gerade danebenliegen, zeigt Bergwetter mit echten Messwerten.
- Wer hat recht? Beide, für ihre jeweilige Frage. Wer wissen will, wie kalt es im Ort Garmisch war, ist bei Open-Meteo besser aufgehoben. Wer eine flächenhafte Größe braucht — etwa für eine Energiebilanz über eine ganze Region —, will genau den Zellenmittelwert und nicht den Talboden.
Was übrig bleibt, wenn die Höhe abgezogen ist
Das ist der interessanteste Teil dieser Seite — und der, der ohne die Zerlegung unsichtbar bliebe. Stellt man beide Modelle rechnerisch auf dieselbe Höhe, verschwindet der große Gebirgsunterschied fast vollständig. Nachgemessen am 04.08.2026, Jahresmittel:
- Garmisch: aus +3,17 K rohem Unterschied werden −0,07 K.
- Zugspitze: aus −11,23 K werden ebenfalls −0,07 K — auf die Stelle derselbe Wert, weil es dieselbe POWER-Zelle ist. Zwei Punkte, die roh 14 K auseinanderlagen, sind nach dem Höhenangleich nicht mehr zu unterscheiden.
- Brocken: aus −5,71 K werden +0,48 K.
- München: aus +1,16 K werden +0,56 K.
Der gesamte dramatische Gebirgsunterschied ist also im Kern Höhenbuchhaltung. Was danach stehen bleibt, sind ein paar Zehntelgrad — und das ist die echte Uneinigkeit zwischen zwei Weltmodellen.
Sie hat einen Jahresgang, und der ist an Orten mit fast gleicher Höhenzuordnung am saubersten zu sehen. In Berlin (POWER 49 m, Open-Meteo 37 m — die Höhe spielt hier kaum eine Rolle) ist Open-Meteo im Januar 1,5 K wärmer als POWER, im Juli aber 0,7 K kälter. Das Vorzeichen dreht sich im Lauf des Jahres. In München bleibt nach dem Höhenangleich im Januar +1,5 K und im September +0,1 K übrig. Beides zeigt dasselbe: Die beiden Modelle sind sich nicht nur über das Mittel uneins, sondern über die Schwankungsbreite über das Jahr. An allen drei nachgerechneten Binnenland-Orten fällt POWERs Jahresgang breiter aus als der von ERA5 — Abstand zwischen Juli und Januar: Berlin 21,2 gegen 19,1 K, München 19,9 gegen 18,6 K, Garmisch 19,8 gegen 19,1 K. Woran das liegt, lässt sich aus diesen zwei Zahlenreihen nicht beantworten, und diese Seite versucht es deshalb auch nicht. Ob es an allen Orten der Welt so ist, sagen drei Orte ebenfalls nicht.
Wie man die Bilder liest
- Positive Differenz heißt: Open-Meteo ist wärmer. Durchgehend wird ERA5 minus POWER gerechnet. Das steht auch an jedem Diagramm.
- Die getönte Fläche zwischen den Kurven ist die Aussage, nicht eine der beiden Linien. Sie ist die Spanne, in der die Antwort auf die Frage „wie warm ist es dort“ nach heutigem Stand liegt.
- Die Differenzachse beginnt an der Null, weil null hier eine echte Bedeutung hat: völlige Einigkeit. Die Temperaturachse dagegen nicht — null Grad Celsius ist kein Nullpunkt, sondern ein Gefrierpunkt.
- Nichts ist geglättet, es gibt keine Trendlinie und keine Interpolation über Lücken. Wo ein Wert fehlt, setzt die Linie ab.
- Die breiten Bilder und Tabellen scrollen in ihrem eigenen Kasten, damit auf schmalen Schirmen die Schrift lesbar bleibt, statt mit dem Bild zusammenzuschrumpfen. Die Seite selbst läuft nicht über.
Was diese Seite ausdrücklich nicht sagt
- Nicht, welches Modell recht hat. Beide sind Rekonstruktionen. Keine der beiden Zahlen ist „die Wahrheit“, und diese Seite hat auch kein Mittel, das zu entscheiden — dafür bräuchte es Stationsmessungen am selben Punkt über denselben Zeitraum, und die gibt es an den allermeisten Orten nicht.
- Kein Mittelwert aus beiden. Zwei Modelle zu mitteln erzeugt eine dritte Zahl, die niemand gerechnet hat und die genauer aussieht als ihre Bestandteile. Die Spanne stehen zu lassen ist ehrlicher als sie wegzumitteln — dasselbe Prinzip wie im Feldbericht bei den Vorhersagen.
- Keine Aussage über den Klimawandel. Hier stehen zwei Mittelwerte über denselben Zeitraum nebeneinander, nicht zwei Zeiträume. Ein Trend lässt sich daraus nicht ablesen. Wer den sucht: Klimastreifen und Klimaprojektion.
- Keine Aussage über Ihr Grundstück. Auch das feinere der beiden Modelle rastet auf ein Gitter ein. Hanglage, Talkessel, Stadtbebauung und Seenähe machen auf wenigen Kilometern Unterschiede, die keines der beiden Gitter auflöst.
- Die Höhenzerlegung ist eine Rechnung, keine Messung. Sie benutzt die Korrekturrate, die Open-Meteo tatsächlich anwendet — nicht die wahre Temperaturabnahme mit der Höhe an diesem Ort, die von Jahreszeit, Bewölkung und Wetterlage abhängt und in Kaltluftseen sogar das Vorzeichen wechselt. Was die Zerlegung zeigt, ist deshalb genau eines: wie viel des Unterschieds daher rührt, dass die beiden Modelle den Punkt verschieden hoch verorten. Nicht mehr.
- Kein Vergleich der Nicht-Temperaturgrößen. Die drei weiteren Größen, die POWER mitliefert, stehen in einer eigenen Tabelle — einseitig und als solche gekennzeichnet, weil hier kein zweites Modell danebensteht. Sie zu vergleichen wäre möglich, würde aber weitere große Abrufe erfordern; solange das nicht geschieht, wird auch nichts behauptet.
Quellen und Weiterlesen
Modell A: NASA
POWER (Prediction Of Worldwide Energy Resources, NASA Langley Research Center), Endpunkt
/api/temporal/climatology/point, community=RE, Parameter
T2M, ALLSKY_SFC_SW_DWN, WS10M und
PRECTOTCORR. Zugrunde liegende Reanalyse: MERRA-2. Kein Zugangsschlüssel,
kein eigener Server. Der vorgerechnete Zeitraum wird aus header.range gelesen,
der Fehlwert aus header.fill_value, und die Einheiten der Zusatzgrößen
aus dem Feld parameters der Antwort — nichts davon ist in dieser Seite
fest eingetragen.
Modell B: die keyless Archiv-Schnittstelle von
Open-Meteo (Lizenz CC BY 4.0), Endpunkt
archive-api.open-meteo.com/v1/archive, Feld temperature_2m_mean,
timezone=UTC und ausdrücklich models=era5. Zugrunde liegende
Reanalyse: ERA5 des ECMWF. Die Monatsmittel entstehen hier aus den Tageswerten; wie viele
Tage in jeden Monat eingegangen sind, steht in der Tabelle. Die Ortssuche läuft
über dieselbe Geocoding-Schnittstelle wie auf den übrigen Seiten dieser Sammlung.
Warum eine Modellrechnung keine Messung ist, erklären Wettermodelle und Das Messnetz. Wie diese Sammlung mit Spannen statt mit Einzelwerten umgeht, zeigt der Feldbericht für Vorhersagen und Das Ensemble für die Streuung innerhalb eines Modells. Die zeitliche Entwicklung statt des Modellvergleichs behandeln Klimastreifen, Klimaprojektion und Klima. Wie diese Seite grundsätzlich mit Zahlen umgeht — und warum hier so viel dabeisteht, was sie nicht behauptet —, steht in Methodik & Quellen.