Polarwirbel und plötzliche Stratosphärenerwärmung

Jeden Winter taucht in Schlagzeilen ein Begriff auf, der nach Katastrophe klingt und meist keine ist: der Polarwirbel. Er „kollabiert“, er „spaltet sich“, er „bringt die Eiszeit“. Dahinter steckt ein realer und gut untersuchter Vorgang in rund 30 Kilometern Höhe — und eine Kette von Wenn-Dann-Schritten, von denen jeder einzelne ausfallen kann. Diese Seite zitiert, was der Deutsche Wetterdienst zu jedem Glied dieser Kette sagt, inklusive der Sätze, die in den Schlagzeilen fehlen.

Zwei Wirbel, nicht einer

Im Winter liegt die Polregion monatelang im Dunkeln. Die Luft darüber kühlt stark aus, und um dieses Kaltluftreservoir bildet sich ein großräumiger Westwind-Gürtel. Der Begriff „Polarwirbel“ meint dabei zwei verschiedene Dinge, die in Meldungen ständig vermischt werden: den stratosphärischen Polarwirbel in 15 bis 50 km Höhe, um den es bei einer Stratosphärenerwärmung geht, und den troposphärischen Polarwirbel in der Wetterschicht darunter, der mit dem Jetstream zusammenhängt und unser Wetter direkt formt. Der DWD kürzt sie SPV und TPV ab und warnt davor, sie in einen Topf zu werfen:

„Einem schwachen SPV kann ein kräftiger TPV und umgekehrt gegenüberstehen.“ Dipl.-Met. Helge Tuschy, Deutscher Wetterdienst, Thema des Tages „Ein gestörter Polarwirbel ist nicht alles“, 16.11.2025
Zwei schematische Ansichten von oben auf den Nordpol. Links ein kräftiger, runder Polarwirbel, der die Kaltluft über dem Pol einschließt. Rechts ein gestörter, verformter Wirbel, aus dem Kaltluft in Zungen nach Süden ausbricht, während warme Luft nach Norden vordringt. Kräftiger Polarwirbel Kaltluft Westwind rund um den Pol, Kaltluft bleibt eingeschlossen Gestörter Polarwirbel Kaltluft Wirbel verformt oder geteilt, Kaltluft bricht in Zungen aus
Rein schematisch, nicht maßstäblich. Links der Normalfall: Ein kräftiger Westwind-Gürtel hält die Kaltluft über dem Pol zusammen. Rechts der gestörte Fall: Der Wirbel ist verformt oder in Teile zerfallen, Kaltluft kann weit nach Süden ausbrechen, warme Luft dringt nach Norden vor. Wo genau die Zungen liegen, entscheidet über Kälte oder Milde in Mitteleuropa — und das lässt sich aus der Störung allein nicht ablesen.

Auf der Südhalbkugel ist der stratosphärische Wirbel kälter und stabiler als im Norden — deshalb entsteht das Ozonloch über der Antarktis und nicht über der Arktis. Umgekehrt kann eine Stratosphärenerwärmung das Loch klein halten, wie 2019 geschehen (Ozonschicht & Ozonloch).

Was „plötzliche Stratosphärenerwärmung“ genau heißt

Entdeckt wurde das Phänomen in den 1950er-Jahren von Richard Scherhag in Berlin bei der Auswertung von Wetterballondaten: Die Stratosphäre erwärmt sich dabei laut DWD „um zum Teil mehr als 50 Grad“, und das binnen weniger Tage. Weil Scherhag an der Freien Universität Berlin forschte, heißt es bis heute auch das „Berliner Phänomen“. Die englische Abkürzung SSW (sudden stratospheric warming) hat sich auch im Deutschen durchgesetzt. Die Definition, ab wann eine Erwärmung als „major“ zählt, ist technisch präzise — und hängt nicht an der Temperatur, sondern am Wind:

Ein major sudden stratospheric warming liegt vor, wenn „der westliche Wind (zonal gemittelt, also auf einem Breitengrad, hier 60 Grad N zirkumpolar) in 10 hPa (in etwa 31 km Höhe) komplett auf Ostwind dreht“. Dr. rer. nat. Jens Bonewitz, Deutscher Wetterdienst, Thema des Tages „Plötzliche Stratosphärenerwärmung, was nun?“, 10.01.2021

Der Westwind, der den Wirbel zusammenhält, kehrt sich also um. Das passiert nicht selten:

„Eine plötzliche Stratosphärenerwärmung tritt statistisch gesehen alle zwei Jahre im nordhemisphärischen Winter auf.“ Dr. rer. nat. Jens Bonewitz, DWD, Thema des Tages, 10.01.2021

Etwa jeder zweite Winter erlebt eine solche Erwärmung. Wer sich an jeden zweiten Winter als „Eiszeit“ erinnert, kann die Wahrscheinlichkeit selbst einordnen. Ausgelöst wird die Störung von unten: Große Wellen in der Troposphäre, etwa ein sehr kräftiges Tief über dem Nordpazifik, pflanzen sich nach oben fort und drücken gegen den Wirbel. Der DWD beschreibt für Januar 2021 genau diesen Weg: Eine „explosive Mischung der Temperaturkontraste führte dann zu einer erheblichen Stärkung des Alëutentiefs“, und dieses Tief wurde zum Stoß nach oben.

Die Kette von oben nach unten — und wo sie reißt

Die Erwärmung selbst findet in einer Höhe statt, in der kein Mensch Wetter erlebt. Interessant wird sie erst, wenn sie nach unten durchgreift. Der DWD beschreibt die Abfolge so:

„Die Abschwächung des Polarwirbels kann sich dann in den folgenden Wochen von der Stratosphäre bis in die Troposphäre voran arbeiten und das für uns sensible Wettergeschehen nachhaltig beeinflussen.“ Dipl.-Met. Helge Tuschy, Deutscher Wetterdienst, Thema des Tages „Die möglichen Auswirkungen der Erwärmung in der Stratosphäre auf unser Wetter“, 14.01.2021

„Kann“ ist das entscheidende Wort. Derselbe Artikel nennt den typischen Zeitverzug und die Bedingung:

„Da die Auswirkungen eines SSW, sollten sie sich nach unten voranarbeiten, im Mittel mit rund 10 bis 15 Tagen Verspätung das Wetter in der Troposphäre beeinflussen…“ Dipl.-Met. Helge Tuschy, DWD, Thema des Tages, 14.01.2021

Und vier Winter später, noch deutlicher:

„Wichtig ist, dass bei einer Veränderung des SPV die Erwärmung aus der oberen Stratosphäre auch in Richtung Troposphäre gebracht wird, was jedoch bei Weitem nicht immer gewährleistet ist.“ Dipl.-Met. Helge Tuschy, DWD, Thema des Tages, 16.11.2025

Kommt die Störung unten an, zeigt sie sich typischerweise in zwei Kennzahlen, die die Lage des Jetstreams beschreiben: der Arktischen Oszillation (AO) und der Nordatlantischen Oszillation (NAO). Beide werden negativ, der Westwind schwächelt, und die Strömung wird wellig statt zonal:

„Damit einher geht ein deutlich negativer Index der Arktischen und Nordatlantischen Oszillation (AO bzw. NAO), wobei durch die Windumkehr bei vermehrt meridionalen Strömungsmustern arktische Luftmassen weit nach Süden vordringen.“ Dr. rer. nat. Jens Bonewitz, DWD, Thema des Tages, 10.01.2021

Das ist der physikalische Kern der Kälte-Erwartung: Ein welliger Jetstream lässt Tiefs weit nach Süden ausscheren und Hochs weit nach Norden aufsteigen, also genau die blockierenden Großwetterlagen, bei denen Mitteleuropa unter Ostwind und Polarluft geraten kann. Was die Statistik dazu sagt, steht im selben Artikel des DWD, mit einem Vorbehalt im selben Satz:

„Die Vergangenheit zeigte zwar, dass nach einem SSW in Nord- und Mitteleuropa kräftige Kaltlufteinbrüche häufiger auftreten, aber eine Garantie gibt es dafür nicht.“ Dipl.-Met. Helge Tuschy, DWD, Thema des Tages, 14.01.2021

Wo die Kette in der Praxis reißt

Zwischen „Wind in 31 km Höhe dreht auf Ost“ und „Frost vor der Haustür“ liegen mindestens fünf Bedingungen. Jede einzelne ist beim DWD belegt, und jede einzelne kann ausfallen:

Die Glieder der Kette, jeweils mit dem Satz des DWD, der zeigt, dass das Glied ausfallen kann.
SchrittWas passieren mussWarum es ausfallen kann
1Die Erwärmung wird zum „major warming“: Windumkehr in 10 hPa bei 60° N.Viele Erwärmungen bleiben „minor“, der Wirbel wird nur verschoben, nicht gebrochen.
2Die Störung arbeitet sich nach unten durch.„bei Weitem nicht immer gewährleistet“ (Tuschy, 16.11.2025).
3Sie kommt rechtzeitig unten an: im Mittel nach 10 bis 15 Tagen.Ein Mittel ist kein Fahrplan. Der DWD beschreibt für Januar 2021 „ein wildes Springen der Wettermodelle“ zwischen „sehr warm und eisig kalt“.
4Die Kaltluftzunge zielt auf Mitteleuropa, nicht auf Nordamerika oder Sibirien.„Die Fachliteratur beschreibt hierbei Eurasien gegenüber Nordamerika als bevorzugt beeinflusste Region“ (Bonewitz, 10.01.2021) — bevorzugt heißt nicht immer, und Eurasien ist groß.
5Die Kaltluft kommt kalt an.Über dem warmen Nordatlantik können „arktische Luftmassen […] wenigstens in den unteren Bereichen stark modifiziert (sprich: erwärmt) werden“ (Tuschy, 16.11.2025).

Der DWD zieht daraus einen Schluss, den jede Schlagzeile über den „Kollaps des Polarwirbels“ unterschlägt:

„Diese Komplexität lässt einerseits nur Tendenzabschätzungen zu, zeigt aber auch, dass lineare Aussagen (schwacher SPV = eisige Kälte) ebenso kaum zielführend sind.“ Dipl.-Met. Helge Tuschy, DWD, Thema des Tages, 16.11.2025

Und schon 2021 stand der Vorbehalt gleich am Anfang des Artikels:

„Um es aber gleich vorwegzunehmen – klare Aussagen können hier nicht getroffen werden, denn die Vorhersagen in diesem Themenbereich sind zumeist sehr unsicher und mit Vorsicht zu genießen.“ Dipl.-Met. Helge Tuschy, DWD, Thema des Tages, 14.01.2021

Was ein SSW dagegen belastbar liefert, ist ein verändertes Wahrscheinlichkeitsgefüge für die folgenden Wochen: mehr blockierende Lagen, mehr Nord- und Ostlagen, mehr Kaltlufteinbrüche als in einem Winter ohne Störung. Das ist Information für eine Monatsvorhersage, nicht für den Wetterbericht der nächsten Woche. Und selbst der DWD bleibt bei der Abrechnung vorsichtig: „Abgerechnet wird dann Ende Februar, wenn der meteorologische Winter 2025/26 Geschichte ist.“

Was diese Seite nicht behauptet

Quellen

Alle vier Adressen am 13.09.2026 selbst abgerufen (HTTP 200); die Zitate stehen dort wörtlich. Verwandt: Jetstream (der Wind, der die Störung nach unten weitergibt), Großwetterlagen (die blockierenden Muster, die dann häufiger werden), Globale Zirkulation, Aufbau der Atmosphäre (in welchem Stockwerk der Wirbel liegt), Vorhersagbarkeit und Frost.