Starkregen
„30 Liter“ ist keine Aussage. Erst mit der Dauer wird eine daraus — und der Unterschied ist größer, als man erwartet. Im Rasterfeld, das der DWD selbst als Beispiel benutzt, sind 32,4 Liter je Quadratmeter in einer Stunde ein Ereignis, das statistisch alle zwanzig Jahre vorkommt. Dieselben 32,4 Liter, über 24 Stunden verteilt, sind ein Ereignis, das jedes Jahr vorkommt.
Zwei Warnereignisse, die man nicht verwechseln darf
Der DWD warnt vor Starkregen und vor Dauerregen getrennt, und zwar nicht nach der Menge, sondern nach Entstehung und Dauer. Starkregen ist konvektiv — hohe Intensität auf kleinem Raum, Dauerstufen 1 und 6 Stunden. Dauerregen kommt aus einem ausgedehnten Niederschlagsfeld, geringere Intensität, Dauerstufen 12 bis 72 Stunden. Eine Warnstufe 1 gibt es für beide nicht; die Skala beginnt bei Stufe 2.
Die amtliche Treppe
„Jahrhundertregen“ ist keine Zeitangabe
Die Wiederkehrzeit T ist die statistisch mittlere Zeitspanne, in der ein Wert einmal erreicht oder überschritten wird. Sie sagt nichts darüber, wann es das nächste Mal passiert. Zwei Jahrhundertereignisse in aufeinanderfolgenden Jahren sind kein Widerspruch zur Statistik, sondern ihr Normalfall.
Der DWD stellt diese Zahlen mit KOSTRA-DWD-2020 bereit: 22 Dauerstufen von fünf Minuten bis 168 Stunden, neun Wiederkehrzeiten von 1 bis 100 Jahren, als Raster über ganz Deutschland, gültig seit dem 01.01.2023 auf Basis der Jahre 1951 bis 2020. Unten das Rasterfeld 160126, das die DWD-Anwenderhilfe selbst als Beispiel führt.
Gleiche Menge, zwanzigfach andere Seltenheit
Die Wirklichkeit hält sich nicht an die Statistik
Am 27.06.1994 fielen bei Daudenzell im Neckar-Odenwald-Kreis 180 mm in einer Stunde über eine Fläche von 25 km². Der punktuelle KOSTRA-Wert für ein hundertjährliches Ereignis liegt dort bei 54 mm. Das gemessene Ereignis war also gut das Dreifache dessen, was die Statistik als Jahrhundertwert führt. Noch extremer, wenn auch aus einer Zeit mit anderer Messtechnik: Füssen im Ostallgäu, 25.05.1920, 126 mm in acht Minuten.
Umgekehrt zeigt der DWD-Ereignisbericht zum Tief Bernd (Juli 2021), wie stark die Einordnung von der Dauerstufe abhängt: In Berchtesgaden ergaben 45,5 l/m² in einer Stunde ein Wiederkehrintervall von 16 Jahren — 99,3 l/m² in 24 Stunden am selben Ort dagegen nur 8 Jahre. Die größere Menge war das häufigere Ereignis.
Das Radar misst die Menge nicht — es rechnet sie um
Ein Wetterradar misst zurückgestreute Leistung, nicht Wasser. Aus dem Reflektivitätsfaktor Z wird die Regenrate R über eine empirische Beziehung geschlossen; die Standardformel des DWD-Radarverbunds lautet Z = 256 · R1,42. Weil die Reflektivität in Dezibel angegeben wird, ist die Skala logarithmisch — und das hat eine unangenehme Folge.
Warum ausgerechnet Starkregen so schwer zu warnen ist
Der DWD-Ereigniskatalog CatRaRE erfasst alle Ereignisse oberhalb der Unwetterschwelle. 2001 bis 2024 waren das im Mittel 1187 Ereignisse je Jahr; 2024 allein 1644, davon 1557 Starkregen- und 197 Dauerregenereignisse. Der entscheidende Wert steht daneben: 86 % der Starkregenereignisse des Jahres 2024 waren kleiner als 100 km².
Gewarnt wird dagegen für rund 400 Landkreise oder rund 11.000 Gemeinden. Eine feinere Skalierung lehnt der DWD ausdrücklich ab — nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil die Vorhersage sie nicht hergibt. Das deutsche Modell mit der feinsten Maschenweite, ICON-D2, rechnet mit gut zwei Kilometern. Eine Gewitterzelle ist bei ihrer Entstehung kleiner. Warum das kein Lösbarkeitsproblem ist, sondern ein grundsätzliches, steht auf der Seite Vorhersagbarkeit: Strukturen unter 200 km verlieren ihre Vorhersagbarkeit in weniger als drei Tagen.
Was hier bewusst offenbleibt
- Kein Vergleich Radar gegen Bodenmessung. Naheliegend wäre, ein Wertepaar zu zeigen: hier die Radarschätzung, dort die Regenmessung. In den geprüften DWD-Berichten stehen solche Werte, aber zu verschiedenen Zeitpunkten und an verschiedenen Orten — ein Paar wäre konstruiert. Lieber keine Zahl als eine gebastelte.
- Keine Aussage über einen Trend. CatRaRE zeigt Jahreszahlen, aber die Erfassung hängt an der Radarhistorie. Was davon Wetter ist und was Messnetz, sagt diese Seite nicht.
- KOSTRA gilt für einen Rasterpunkt, nicht für eine Fläche. Die Zahlen oben sind punktuelle Werte für ein bestimmtes Rasterfeld. Für ein Einzugsgebiet gelten andere; die Umrechnung ist nicht Gegenstand dieser Seite.
- Die Warnschwellen sind nicht die einzigen Kriterien. Der DWD warnt auch situationsabhängig, etwa bei bereits gesättigten Böden. Die Tabelle ist der Rahmen, nicht der Automatismus.
Weiterlesen
Wie aus Starkregen ein Hochwasser wird, steht unter Hochwasser; die Gewitterlage, aus der er meistens kommt, unter Gewitter und Hitzegewitter. Wie Niederschlag überhaupt gemessen wird — und warum jede Methode ihre eigene Untertreibung hat —, erklärt Niederschlagsmessung. Das Radarbild dieser Seite selbst steht unter Regenradar. Alle amtlichen Warnstufen im Überblick: Wetterlagen.
Quellen
- DWD-Warnkriterien — alle achtzehn Schwellen für Stark- und Dauerregen.
- KOSTRA-DWD-2020, offene Rasterdaten (DWD Climate Data Center).
- RADOLAN — Kurzbeschreibung (PDF) und Niederschlagsbestimmung aus Radardaten (PDF).
- DWD-Ereignisbericht zu den Starkniederschlägen im Zusammenhang mit Tief „Bernd“, Juli 2021 — Quelle der Berchtesgadener Wiederkehrintervalle. (Ohne Verweis: Die Adresse, unter der der Bericht geführt wurde, antwortete bei der Prüfung am 08.09.2026 nicht mehr. Lieber eine vollständige Angabe ohne Verweis als ein Verweis, der ins Leere führt.)
- DWD-Radarklimatologie — Einstieg zu RADKLIM-Bulletin und CatRaRE-Ereigniskatalog, aus denen die Zahlen zu Ereignishäufigkeit und Ausdehnung stammen.
- DWD zu Warnräumen und Gemeindewarnungen.
- Die Umrechnung dBZ → mm/h in der dritten Abbildung ist aus der genannten Formel selbst gerechnet und gegen die Stützwerte der DWD-Tabelle geprüft; 16 von 19 Werten stimmen auf besser als 1,5 %, die drei Abweichungen liegen bei Regenraten unter 0,1 mm/h und sind Rundung in der Tabelle.