Starkregen

„30 Liter“ ist keine Aussage. Erst mit der Dauer wird eine daraus — und der Unterschied ist größer, als man erwartet. Im Rasterfeld, das der DWD selbst als Beispiel benutzt, sind 32,4 Liter je Quadratmeter in einer Stunde ein Ereignis, das statistisch alle zwanzig Jahre vorkommt. Dieselben 32,4 Liter, über 24 Stunden verteilt, sind ein Ereignis, das jedes Jahr vorkommt.

Zwei Warnereignisse, die man nicht verwechseln darf

Der DWD warnt vor Starkregen und vor Dauerregen getrennt, und zwar nicht nach der Menge, sondern nach Entstehung und Dauer. Starkregen ist konvektiv — hohe Intensität auf kleinem Raum, Dauerstufen 1 und 6 Stunden. Dauerregen kommt aus einem ausgedehnten Niederschlagsfeld, geringere Intensität, Dauerstufen 12 bis 72 Stunden. Eine Warnstufe 1 gibt es für beide nicht; die Skala beginnt bei Stufe 2.

Die amtliche Treppe

0 20 40 60 80 100 120 15 25 40 1 h 20 35 60 6 h 25 40 70 12 h 30 50 80 24 h 40 60 90 48 h 60 90 120 72 h Starkregen (konvektiv) Dauerregen (ausgedehntes Feld) Stufe 2 — markant Stufe 3 — Unwetter Stufe 4 — extremes Unwetter waagerecht: Dauerstufe — senkrecht: Niederschlag in l/m²
Alle achtzehn Schwellen aus den DWD-Warnkriterien, maßstabsgetreu übereinander. Die Zahl neben jedem Block ist die untere Grenze der Stufe in Litern je Quadratmeter. Links die zwei Dauerstufen des Starkregens, rechts die vier des Dauerregens — zwei verschiedene Warnereignisse, deshalb die Trennlinie. Zum Lesen: Für eine Unwetterwarnung (Stufe 3) reichen in einer Stunde 25 l/m²; über 72 Stunden braucht es 90 — das 3,6-Fache an Wasser für dieselbe Warnstufe.

„Jahrhundertregen“ ist keine Zeitangabe

Die Wiederkehrzeit T ist die statistisch mittlere Zeitspanne, in der ein Wert einmal erreicht oder überschritten wird. Sie sagt nichts darüber, wann es das nächste Mal passiert. Zwei Jahrhundertereignisse in aufeinanderfolgenden Jahren sind kein Widerspruch zur Statistik, sondern ihr Normalfall.

Der DWD stellt diese Zahlen mit KOSTRA-DWD-2020 bereit: 22 Dauerstufen von fünf Minuten bis 168 Stunden, neun Wiederkehrzeiten von 1 bis 100 Jahren, als Raster über ganz Deutschland, gültig seit dem 01.01.2023 auf Basis der Jahre 1951 bis 2020. Unten das Rasterfeld 160126, das die DWD-Anwenderhilfe selbst als Beispiel führt.

Gleiche Menge, zwanzigfach andere Seltenheit

0 20 40 60 80 100 1 2 3 5 10 20 30 50 100 32,4 l/m² 24 Stunden 60 Minuten 20 Jahre 1 Jahr waagerecht: Wiederkehrzeit in Jahren (logarithmisch) senkrecht: Niederschlagshöhe in l/m²
Niederschlagshöhe gegen Wiederkehrzeit für zwei Dauerstufen desselben Rasterfeldes, alle achtzehn Werte aus den offenen KOSTRA-Rasterdaten des DWD. Die gestrichelte Linie liegt bei 32,4 l/m²: Sie schneidet die 60-Minuten-Kurve bei zwanzig Jahren und die 24-Stunden-Kurve bei einem Jahr. Beide Kreise markieren dieselbe Wassermenge am selben Ort. Der KOSTRA-Datensatz gibt zu jedem Wert eine Unsicherheitsspanne an — bei der Stundenstufe zwischen 17 und 24 %, bei der Tagesstufe zwischen 11 und 17 %. Sie ist hier nicht eingezeichnet, gehört aber zur Zahl dazu.

Die Wirklichkeit hält sich nicht an die Statistik

Am 27.06.1994 fielen bei Daudenzell im Neckar-Odenwald-Kreis 180 mm in einer Stunde über eine Fläche von 25 km². Der punktuelle KOSTRA-Wert für ein hundertjährliches Ereignis liegt dort bei 54 mm. Das gemessene Ereignis war also gut das Dreifache dessen, was die Statistik als Jahrhundertwert führt. Noch extremer, wenn auch aus einer Zeit mit anderer Messtechnik: Füssen im Ostallgäu, 25.05.1920, 126 mm in acht Minuten.

Umgekehrt zeigt der DWD-Ereignisbericht zum Tief Bernd (Juli 2021), wie stark die Einordnung von der Dauerstufe abhängt: In Berchtesgaden ergaben 45,5 l/m² in einer Stunde ein Wiederkehrintervall von 16 Jahren — 99,3 l/m² in 24 Stunden am selben Ort dagegen nur 8 Jahre. Die größere Menge war das häufigere Ereignis.

Das Radar misst die Menge nicht — es rechnet sie um

Ein Wetterradar misst zurückgestreute Leistung, nicht Wasser. Aus dem Reflektivitätsfaktor Z wird die Regenrate R über eine empirische Beziehung geschlossen; die Standardformel des DWD-Radarverbunds lautet Z = 256 · R1,42. Weil die Reflektivität in Dezibel angegeben wird, ist die Skala logarithmisch — und das hat eine unangenehme Folge.

0,01 0,1 1 10 100 -5 5 15 25 35 45 55 65 37 dBZ = 8,1 mm/h 40 dBZ = 13,2 mm/h — also +63 % waagerecht: Reflektivität in dBZ senkrecht: Regenrate in mm/h (logarithmisch)
Die Kurve ist aus der Formel gerechnet, die beiden Kreise sind Stützwerte aus der DWD-Umrechnungstabelle. Drei Dezibel Unterschied — 8,1 gegen 13,2 mm/h — sind rund 63 % mehr Regen. Drei Dezibel sind in der Radarmesstechnik wenig; für den Keller im Tal sind 63 % viel. Deshalb wird das Radar an Bodenstationen angeeicht (RADOLAN): 40 bis 60 Stationen je Radarstandort, zur vollen Stunde über 1400 Stationen bundesweit, Räumliche Auflösung 1 km². Die genannte Formel ist die Standard-Beziehung; der DWD setzt für einen Teil seiner Produkte eine verfeinerte, reflektivitätsabhängige Variante ein.

Warum ausgerechnet Starkregen so schwer zu warnen ist

Der DWD-Ereigniskatalog CatRaRE erfasst alle Ereignisse oberhalb der Unwetterschwelle. 2001 bis 2024 waren das im Mittel 1187 Ereignisse je Jahr; 2024 allein 1644, davon 1557 Starkregen- und 197 Dauerregenereignisse. Der entscheidende Wert steht daneben: 86 % der Starkregenereignisse des Jahres 2024 waren kleiner als 100 km².

Gewarnt wird dagegen für rund 400 Landkreise oder rund 11.000 Gemeinden. Eine feinere Skalierung lehnt der DWD ausdrücklich ab — nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil die Vorhersage sie nicht hergibt. Das deutsche Modell mit der feinsten Maschenweite, ICON-D2, rechnet mit gut zwei Kilometern. Eine Gewitterzelle ist bei ihrer Entstehung kleiner. Warum das kein Lösbarkeitsproblem ist, sondern ein grundsätzliches, steht auf der Seite Vorhersagbarkeit: Strukturen unter 200 km verlieren ihre Vorhersagbarkeit in weniger als drei Tagen.

Was hier bewusst offenbleibt

Weiterlesen

Wie aus Starkregen ein Hochwasser wird, steht unter Hochwasser; die Gewitterlage, aus der er meistens kommt, unter Gewitter und Hitzegewitter. Wie Niederschlag überhaupt gemessen wird — und warum jede Methode ihre eigene Untertreibung hat —, erklärt Niederschlagsmessung. Das Radarbild dieser Seite selbst steht unter Regenradar. Alle amtlichen Warnstufen im Überblick: Wetterlagen.

Quellen