Fallböe: wenn ein Gewitter Luft zu Boden stürzen lässt

Nach einem Sommergewitter liegen Bäume kreuz und quer, Dächer sind abgedeckt, und die erste Frage lautet: War das ein Tornado? Meistens nicht. Meistens war es das Gegenteil eines Wirbels: ein Sturz. Kalte, schwere Luft fällt aus dem Gewitter, trifft auf den Boden und läuft nach allen Seiten auseinander. Meteorologen nennen das Fallböe oder Downburst, und ihr Schadenspotenzial kann laut Deutschem Wetterdienst dem eines Tornados „durchaus ebenbürtig“ sein.

Was eine Fallböe ist

Jedes Gewitter hat einen Aufwind, der warme, feuchte Luft nach oben trägt, und einen Abwind, in dem Regen und abgekühlte Luft wieder herunterkommen. Bei einer Fallböe wird dieser Abwind extrem:

„Downbursts oder Fallböen entstehen dagegen durch einen sehr starken Abwind.“ Christian Herold, Deutscher Wetterdienst, Thema des Tages „Was ist eine Fallböe?“, 30.07.2026

Das „dagegen“ im Zitat bezieht sich auf den Tornado, den der Artikel zuvor abgrenzt: Ein Tornado ist ein Wirbel, eine Fallböe ein Fall. Der Grund, warum Luft überhaupt so schnell fallen kann, ist ihre Dichte:

„Kühlt sich die Luft innerhalb des Gewitters stark genug ab, wird sie dichter und damit schwerer.“ Christian Herold, DWD, Thema des Tages, 30.07.2026

Woher kommt die Kühlung? Vor allem aus der Verdunstung:

„Gleichzeitig fallen Regentropfen häufig in trockenere Luft, wo ein Teil des Niederschlags verdunstet. Sowohl das Schmelzen des Hagels als auch die Verdunstung der Regentropfen entziehen der Umgebungsluft Wärme.“ Christian Herold, DWD, Thema des Tages, 30.07.2026

Verdunsten kostet Wärme, dieselbe Physik, die nasse Haut im Wind frieren lässt; schmelzender Hagel wirkt genauso. Je trockener die Luft unter der Gewitterwolke, desto mehr Regen verdunstet, desto kälter und schwerer wird das Luftpaket, desto schneller fällt es. Dazu kommt das Gewicht des Niederschlags selbst, der die Luft mit nach unten zieht. Am Boden angekommen, kann die Luft nur noch in eine Richtung: zur Seite.

„Trifft die kalte Luft auf den Boden, breitet sie sich explosionsartig nach allen Seiten aus.“ Christian Herold, DWD, Thema des Tages, 30.07.2026
Schematischer Querschnitt durch ein Gewitter mit Fallböe: Aus der Wolkenbasis fällt Regen in trockene Luft, ein kalter, schwerer Abwind stürzt senkrecht zu Boden und breitet sich dort nach links und rechts aus. Bäume am Boden liegen vom Aufprallpunkt weg nach außen. kalter, schwerer Abwind Regen verdunstet in trockener Luft, kühlt sie ab Ausfließen am Boden Ausfließen am Boden Bäume liegen vom Aufprallpunkt weg nach außen, nicht kreisförmig eingedreht
Rein schematisch, nicht maßstäblich. Der Regen fällt aus der Gewitterwolke in trockenere Luft, ein Teil verdunstet und kühlt das Luftpaket ab. Das kalte, schwere Paket stürzt zu Boden und läuft dort fächerförmig auseinander. Das Schadensbild unterscheidet sich vom Tornado: Die Bäume zeigen vom Aufprallpunkt weg, nicht in einen Wirbel hinein.

Wie schnell — und warum so schnell

Die Obergrenze, die der DWD nennt, liegt weit jenseits der Orkanschwelle von 118 km/h:

„Dabei können Windgeschwindigkeiten von weit über 200 km/h erreicht werden.“ Christian Herold, DWD, Thema des Tages, 30.07.2026

Woher diese Energie kommt, erklärt ein älterer DWD-Artikel anhand eines konkreten Falls. Am 18.08.2019 zogen Gewitter mit Orkanböen über Süddeutschland; in Kümmersbruck in der Oberpfalz wurde eine Böe von 151 km/h gemessen. Der Autor rechnet nach, was die Atmosphäre an diesem Tag hergab. Erst muss ein Aufwind da sein:

„Es muss sich zuvor ein entsprechend starker Aufwind (ausgedrückt durch den CAPE-Wert, also die konvektiv verfügbare potentielle Energie) entwickeln, damit die Konvektion (also das Aufsteigen von Luft) in Gang kommt.“ Dr. rer. nat. Jens Bonewitz, Deutscher Wetterdienst, Thema des Tages „Wenn Luft in die Tiefe stürzt“, 21.08.2019

Was hochgeht, muss auch wieder herunter. Und je schwerer das fallende Paket, desto härter kommt es an:

„Da aber die gesamte Energie und auch Masse physikalisch Erhaltungsgrößen darstellen, muss zum Ausgleich an anderer Stelle die Luft wieder absinken“ […] „Die Downbursts fallen also umso stärker aus, je schwerer das Luftpaket ist“. Dr. rer. nat. Jens Bonewitz, DWD, Thema des Tages, 21.08.2019

Für den Abwind gibt es ein Gegenstück zum CAPE-Wert, das DCAPE (downdraft CAPE): die Energie, die ein Luftpaket beim Fallen durch Verdunstungskühlung gewinnen kann. Für Kümmersbruck ergaben sich laut DWD „aus dem Radiosondenaufstieg berechnete 1225 J/kg für den DCAPE“, und: „Werte über etwa 1200 J/kg weisen oftmals ein großes Schadenspotenzial auf.“ Daraus rechnet der Autor eine theoretische Abwindgeschwindigkeit von 49,49 m/s, also rund 178 km/h:

„Rein energetisch betrachtet sind Abwinde mit Geschwindigkeiten von bis zu 50 m/s möglich. Das setzt allerdings voraus, dass keine thermischen oder Reibungsverluste auftreten.“ Dr. rer. nat. Jens Bonewitz, DWD, Thema des Tages, 21.08.2019

Gemessen wurden 151 km/h, also rund 42 m/s. Die Rechnung liefert eine Obergrenze, keine Vorhersage; ein Teil der Energie geht auf dem Weg nach unten verloren. Dass die Messung trotzdem in der Nähe des theoretischen Werts liegt, zeigt, wie viel von der Energie tatsächlich am Boden ankommt. Was CAPE ist und wie es für deinen Ort gerade aussieht, zeigt die Seite Gewitterpotenzial.

Für startende und landende Flugzeuge ist ein solcher Abwind besonders gefährlich: Erst nimmt der Gegenwind zu, Sekunden später kommt der Wind von hinten, und das Flugzeug verliert dicht über dem Boden Auftrieb. Wie Gewitter, Jetstream und Gebirge ein Flugzeug in der Höhe durchschütteln, steht auf Turbulenz im Flugzeug.

Fallböe oder Tornado?

Beide entstehen aus Gewittern, beide zerstören auf engem Raum, und beide werden im Nachhinein oft verwechselt. Der DWD trennt sie über die Bewegung:

„Tornados sind stark rotierende Luftwirbel mit einer nahezu vertikalen Drehachse.“ Christian Herold, DWD, Thema des Tages, 30.07.2026
Die Unterschiede, die sich nach dem Ereignis noch feststellen lassen. Die Zeilen zur Bewegung und zur Fläche folgen den DWD-Artikeln, die Zeile zum Schadensbild ist die logische Folge daraus.
MerkmalTornadoFallböe
Bewegung der LuftRotation um eine nahezu senkrechte AchseSturz nach unten, dann Ausbreitung nach allen Seiten
Betroffene FlächeSchmale SchneiseGrößer: „durch ihre fächerförmige Ausbreitung deutlich größere Flächen“ (DWD, 30.07.2026)
SchadensbildTrümmer und Bäume in verschiedene Richtungen, teils eingedrehtBäume und Trümmer zeigen vom Zentrum weg, fächer- oder sternförmig
Zerstörungskraft„Das Schadenspotenzial von Fallböen kann dem von Tornados durchaus ebenbürtig sein.“ (DWD, 30.07.2026)

Die Verwechslung ist verständlich: Wer im Ereignis steht, sieht weder Achse noch Fächer, sondern nur fliegende Teile. Erst die Begehung danach, bei der die Fallrichtung der Bäume kartiert wird, gibt die Antwort. Was einen Tornado ausmacht und wie er in Deutschland vorkommt, steht auf der eigenen Seite; die Superzelle, aus der die stärksten Tornados und viele Downbursts stammen, ebenfalls.

Warum die Warnung schwer ist

Der DWD warnt vor Gewittern mit Orkanböen, aber nicht vor einer einzelnen Fallböe an einer bestimmten Stelle. Der Grund liegt in der Größe und Dauer des Phänomens: Ein Downburst dauert Minuten und trifft wenige Kilometer. Kein Modell rechnet fein genug, um vorher zu sagen, welches Dorf getroffen wird; die Warnlage kann nur sagen, dass Gewitter mit diesem Potenzial in der Region unterwegs sind. Was die Vorhersage vorher liefern kann, ist das Umfeld: viel CAPE, dazu trockene Luft in mittleren Höhen, die die Verdunstungskühlung antreibt, und ein hoher DCAPE-Wert. Wer an einem solchen Tag die Gewitterwarnung liest, sollte die Orkanböe wörtlich nehmen, auch wenn der Himmel gerade noch blau ist. Wie das Warnsystem gestuft ist und was „Unwetter“ bedeutet, erklärt die Seite Gewitter.

Was diese Seite nicht behauptet

Quellen

Beide Adressen am 13.09.2026 selbst abgerufen (HTTP 200); die Zitate stehen dort wörtlich. Verwandt: Gewitter, Gewitterpotenzial (CAPE live für deinen Ort), Superzelle, Tornado, Sturm und Windskala.