← zurück zum Wissen

Wissen · Wind

Turbulenz im Flugzeug

Es ruckelt, der Kaffee schwappt, das Anschnallzeichen geht an. Diese Seite erklärt die drei Hauptursachen von Turbulenz — Scherung am Jetstream, Wellen hinter Gebirgen und Gewitter —, warum es kein „Luftloch“ gibt, wer tatsächlich verletzt wird und was an der Meldung „Turbulenz nimmt durch den Klimawandel zu“ dran ist. Und sie sagt offen, wo die Vorhersage an ihre Grenze stößt.

Was da ruckelt

Turbulenz ist ungeordnete Luftbewegung: Wirbel aller Größen, die sich gegenseitig anstoßen und zerfallen. Ein Flugzeug spürt davon vor allem die Wirbel, die ungefähr so groß sind wie es selbst, grob Dutzende bis Hunderte Meter. Viel größere Luftbewegungen hebt und senkt es sanft mit, viel kleinere mittelt es weg.

Was man in der Kabine spürt, sind vor allem senkrechte Böen. Strömt die Luft plötzlich etwas steiler von unten gegen die Tragflächen, steigt der Auftrieb, und das Flugzeug wird für einen Moment angehoben; kommt sie von oben, sinkt der Auftrieb, und es sackt ab. Dazu kommen seitliche Stöße, die es gieren und rollen lassen. Die Besatzung fliegt dann mit einer eigens empfohlenen Turbulenzgeschwindigkeit: langsam genug, damit die Stöße die Struktur nicht unnötig belasten, und schnell genug, damit Reserve zum Strömungsabriss bleibt.

Für das Flugzeug selbst ist das in aller Regel harmlos. Verkehrsflugzeuge sind so gebaut, dass sie deutlich größere Lasten aushalten, als Turbulenz gewöhnlich erzeugt; dass eines deswegen Schaden nimmt, ist heute äußerst selten. Gefährlich ist Turbulenz für Menschen, die in diesem Moment nicht angeschnallt sind — dazu weiter unten.

Nicht vom Wetter, aber auch Turbulenz: Jedes Flugzeug zieht an den Flügelspitzen zwei gegenläufige Luftwirbel hinter sich her, die Wirbelschleppen. Damit niemand in die eines schweren Vorgängers gerät, schreibt die Flugsicherung Mindestabstände vor. Diese Seite handelt nur von der Turbulenz, die die Atmosphäre selbst erzeugt.

Das Märchen vom Luftloch

Ein Loch in der Luft, in das ein Flugzeug hineinfällt, gibt es nicht. Luft ist überall; ein leerer oder auch nur deutlich dünnerer Fleck würde sich sofort wieder füllen, weil der Druck der Umgebung die Luft von allen Seiten hineinschiebt. Was sich wie ein Loch anfühlt, ist ein Abwind oder eine Böe, die den Auftrieb für einen Augenblick verringert.

Dass es sich wie ein Sturz anfühlt, liegt am Gleichgewichtsorgan: Es misst Beschleunigung, nicht Höhe. Ein kurzer Ruck nach unten fühlt sich nach viel an, auch wenn das Flugzeug dabei oft nur wenige Meter bis einige Dutzend Meter verliert — nicht die „hundert Meter“, von denen hinterher gern erzählt wird.

Gefährlich ist nicht die Strecke, sondern der Ruck. Wird das Flugzeug für einen Augenblick stärker nach unten beschleunigt, als ein Gegenstand von selbst fallen würde, bleibt alles, was nicht festgehalten wird, zurück und schlägt gegen die Kabinendecke: Tassen, Handgepäck und nicht angeschnallte Menschen. Einen Moment später drückt die Gegenbewegung sie wieder nach unten.

Clear-Air-Turbulenz: Böen aus heiterem Himmel

Die tückischste Form tritt in wolkenloser Luft auf, meist in Reiseflughöhe — daher der englische Name Clear-Air Turbulence, kurz CAT. Ihre wichtigste Quelle ist der Jetstream. Das Starkwindband ist laut DWD nur ein bis zwei Kilometer dick; der Wind nimmt zum Kern hin also auf kurzer Strecke stark zu und darüber wieder ab. Diese Änderung des Windes mit der Höhe heißt vertikale Windscherung.

Schematische Skizze. Links: Windprofil am Jetstream, der Wind nimmt zum Kern in etwa zehn Kilometer Höhe stark zu und darüber wieder ab; darüber und darunter liegen Zonen starker Scherung. Rechts: Ausschnitt einer Scherungszone, oben schnellere, unten langsamere Luft; die Grenzfläche rollt sich zu Kelvin-Helmholtz-Walzen ein und zerfällt in Wirbel, die Clear-Air-Turbulenz. Windprofil am Jetstream 8 km 10 km 12 km Höhe Windgeschwindigkeit → starke Scherung Kern (stärkster Wind) starke Scherung Ausschnitt: Scherungszone schnellere Luft langsamere Luft Die Grenzfläche rollt sich ein und zerfällt in Wirbel: CAT Schematische Skizze. Links: Windprofil am Jetstream, der Wind nimmt zum Kern in etwa zehn Kilometer Höhe stark zu und darüber wieder ab; darüber und darunter liegen Zonen starker Scherung. Rechts: Ausschnitt einer Scherungszone, oben schnellere, unten langsamere Luft; die Grenzfläche rollt sich zu Kelvin-Helmholtz-Walzen ein und zerfällt in Wirbel, die Clear-Air-Turbulenz. Windprofil am Jetstream 8 km 10 km 12 km Höhe Windgeschwindigkeit → starke Scherung Kern starke Scherung Ausschnitt: Scherungszone schnellere Luft langsamere Luft Die Grenzfläche rollt sich ein und zerfällt in Wirbel: CAT
Skizze, keine Messung und nicht maßstäblich: Pfeillänge = Windgeschwindigkeit, die Höhenangaben sind ein typisches Beispiel. Turbulenz entsteht nicht im Kern, wo der Wind am stärksten ist, sondern darüber und darunter, wo er sich mit der Höhe am schnellsten ändert. Die Walzen im Ausschnitt sind in Wirklichkeit oft nur einige hundert Meter hoch.

Ob aus Scherung Turbulenz wird, entscheidet ein Kräftemessen. Stabil geschichtete Luft — leichtere liegt über schwererer — will in ihren Schichten bleiben. Die Scherung schiebt die Schichten gegeneinander und will sie verwirbeln. Das Verhältnis beider heißt Richardson-Zahl. Liegt sie über etwa 0,25, bleibt die Schichtung stabil; erst darunter kann die Scherung gewinnen (Holton 2004) — ein fester Schalter ist die Schwelle also nicht. Gewinnt sie, bilden sich an der Grenze zwischen schnellerer und langsamerer Luft Wellen, die sich wie Brandung einrollen und in Wirbel zerfallen, die Kelvin-Helmholtz-Wellen.

Ist die Luft feucht genug, werden diese Wellen gelegentlich als Reihe eingerollter Wolkenbänder sichtbar (Wolkenbildung). Meist sieht man nichts: keine Wolke, und auch das Wetterradar an Bord bleibt blind, denn es erkennt Regentropfen und Hagel, nicht bewegte klare Luft. CAT tritt in Flecken auf, oft nur einige hundert Meter dick, daneben ist die Luft ruhig. Deshalb wechseln Piloten nach einer Turbulenzmeldung häufig einfach die Flughöhe. Außer am Jetstream entsteht CAT auch an Höhenfronten, am Rand von Höhentiefs und über Gebirgen, wenn dort Leewellen in großer Höhe brechen.

Leewellen und Rotoren: wenn ein Gebirge die Luft schwingen lässt

Weht kräftiger Wind quer über ein Gebirge und ist die Luft stabil geschichtet, wird sie über den Kamm gehoben, sinkt dahinter ab — und schwingt dann wie eine gezupfte Saite auf und ab, oft über mehrere Wellenberge hinweg. Diese Leewellen stehen am Ort, obwohl der Wind durch sie hindurchweht, ähnlich den stehenden Wellen hinter einem Stein im Bach. Das Absinken auf der Leeseite ist oft dieselbe Lage, die den Föhn bringt.

Schematischer Schnitt: Wind strömt von links über einen Gebirgskamm. Dahinter schwingen die Stromlinien als Leewellen auf und ab. Auf den Wellenbergen sitzen linsenförmige Wolken (Lenticularis), die am Ort stehen bleiben; unter dem ersten Wellenberg dreht sich in Bodennähe eine turbulente Luftwalze, der Rotor. Wind Leewellen Gebirge Linsenwolken (Lenticularis): stehen still, der Wind weht durch sie hindurch Rotor: stark turbulente Walze unter dem Wellenberg Schematischer Schnitt: Wind strömt von links über einen Gebirgskamm. Dahinter schwingen die Stromlinien als Leewellen auf und ab. Auf den Wellenbergen sitzen linsenförmige Wolken (Lenticularis), die am Ort stehen bleiben; unter dem ersten Wellenberg dreht sich in Bodennähe eine turbulente Luftwalze, der Rotor. Wind Gebirge Linsenwolken (Lenticularis): stehen still, der Wind weht hindurch Rotor: stark turbulente Walze unter dem Wellenberg Strömung: schwingt hinter dem Kamm als Leewelle weiter
Skizze, nicht maßstäblich. Voraussetzung sind kräftiger Wind etwa quer zum Kamm und stabil geschichtete Luft. Wie viele Wellenberge entstehen und wie hoch sie reichen, hängt vom Wind- und Temperaturprofil ab; oft sieht man gar keine Wolke, weil die Luft zu trocken ist.

Sichtbar werden die Wellen, wenn die Luft am Wellenberg bis zur Sättigung abkühlt. Dort entstehen glatte, linsenförmige Wolken, Lenticularis (lateinisch für „linsenförmig“), die lange am selben Fleck stehen können: Die Luft kondensiert an ihrer Vorderseite und verdunstet an der Rückseite wieder. Unter den Wellenbergen, etwa in Kammhöhe, kann sich die Strömung zu einer liegenden Walze einrollen, dem Rotor; manchmal markiert ihn eine zerfetzte Wolke. Im Rotor ist es heftig turbulent, und das bis in Bodennähe — eine bekannte Gefahr für kleine Flugzeuge und Segelflieger, die in Tälern starten und landen.

Die Wellen selbst sind oft erstaunlich glatt: Segelflieger nutzen ihre Aufwinde, um viele Kilometer hoch zu steigen. Starke Leewellen können aber bis in Reiseflughöhe reichen und dort brechen; dann spüren sie auch Verkehrsflugzeuge, etwa über den Alpen. Was Wind und Wetter im Gebirge für Wanderer bedeuten, sammelt die Seite Bergwetter.

Gewitter und Thermik: Turbulenz, die man meistens sieht

Die dritte Quelle ist aufsteigende Luft. An sonnigen Nachmittagen steigen über erwärmtem Boden Warmluftblasen auf, oft gekrönt von Quellwolken (Wolken). Das gibt im Steigflug und im Landeanflug leichte, unregelmäßige Stöße — unangenehm, aber harmlos. In Reiseflughöhe liegt man meist darüber.

Ganz anders ein Gewitter: In einer Cumulonimbus-Wolke liegen kräftige Auf- und Abwinde dicht nebeneinander, bis hinauf zur Tropopause. Flugzeuge umfliegen Gewitter deshalb weiträumig. Immerhin sind sie sichtbar, mit bloßem Auge und auf dem Bordradar, das den Niederschlag darin erkennt. Die Turbulenz reicht aber über den sichtbaren Wolkenrand hinaus: seitlich, über dem Amboss und in rasch wachsenden Wolken, die noch kaum regnen und auf dem Radar harmlos aussehen.

Beim Start und bei der Landung kommt eine weitere Gefahr dazu. Eine Fallböe aus einem Gewitter kann den Wind in Bodennähe binnen Sekunden umkehren: Ein landendes Flugzeug bekommt erst mehr Gegenwind, dann plötzlich Rückenwind — und verliert Auftrieb, wenn es dicht über dem Boden am wenigsten Reserve hat. Das ist streng genommen Windscherung und nicht Turbulenz, hat aber dieselbe Wurzel.

Die drei Hauptquellen auf einen Blick
QuelleWo und wannVorwarnung
Clear-Air-TurbulenzReiseflughöhe, vor allem am Rand des Jetstreamsunsichtbar; nur Vorhersagefelder und Meldungen anderer Flugzeuge
Leewellen und Rotorenhinter Gebirgen bei kräftigem Wind quer zum Kamm; Rotor in Bodennähe, Wellen bis in große Höhenmanchmal Linsen- und Rotorwolken; die Lage ist gut vorhersagbar, das Detail nicht
Gewitter und ThermikGewitter vom Boden bis zur Tropopause; Thermik in den unteren Kilometern an warmen TagenWolken und Radarechos sichtbar, die Turbulenz reicht aber darüber hinaus

Wer verletzt wird — und was wirklich hilft

Die US-Unfalluntersuchungsbehörde NTSB hat 2021 in einer Sicherheitsstudie die Turbulenzunfälle im US-Linien- und Charterverkehr von 2009 bis 2018 ausgewertet. Turbulenz war an mehr als einem Drittel aller Unfälle in diesem Verkehr beteiligt — auch deshalb, weil in dieser Statistik schon eine einzige schwere Verletzung an Bord als Unfall zählt. Die meisten dieser Unfälle endeten mit mindestens einer schweren Verletzung, aber ohne Schaden am Flugzeug. Knapp 80 % der Verletzten waren Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter, die während der Arbeit in der Kabine standen oder gingen; die verletzten Passagiere waren fast alle nicht angeschnallt.

Daraus folgt der eine Rat, der wirklich zählt: auf dem Sitz den Gurt locker geschlossen lassen, auch wenn das Anschnallzeichen aus ist. CAT kommt ohne Vorwarnung, und wer angeschnallt ist, bleibt bei einem Stoß im Sitz, statt gegen die Decke zu schlagen. Schweres Handgepäck gehört ins Fach, heiße Getränke nicht randvoll auf den Klapptisch. Für Kleinkinder rät die US-Luftfahrtbehörde FAA zu einem eigenen Sitzplatz mit zugelassenem Kindersitz statt zum Mitfliegen auf dem Schoß.

Wie Piloten Turbulenz einstufen — sinngemäß nach den Meldekriterien im Luftfahrthandbuch der FAA
StufeFlugzeugKabine
leichtkurze, leichte Stöße, Lage kaum verändertman spürt den Gurt leicht; Loses verrutscht etwas, Service und Gehen sind kaum behindert
mäßigdeutliche Stöße, jederzeit steuerbarman wird deutlich in den Gurt gedrückt; Loses verrutscht, Gehen ist schwierig
schwergroße, abrupte Sprünge in Höhe und Lage, kurz schwer zu steuernman wird heftig in den Gurt geworfen; Loses fliegt umher, Gehen ist unmöglich
extremwird heftig hin und her geworfen, praktisch nicht zu steuern; Schäden an der Struktur möglichim Handbuch nicht eigens beschrieben

Die Stufen sind ein Eindruck der Besatzung und hängen vom Flugzeug ab: Dieselbe Luft schüttelt ein kleines Regionalflugzeug stärker als einen Großraumjet. Deshalb messen immer mehr Verkehrsflugzeuge automatisch ein flugzeugunabhängiges Maß dafür, wie heftig die Luft verwirbelt ist (englisch eddy dissipation rate, EDR), und funken es zum Boden.

Wie gut sich Turbulenz vorhersagen lässt

Ehrlich gesagt: nur als Wahrscheinlichkeit für ein Gebiet, nicht für einen Punkt. Die Wirbel, die ein Flugzeug schütteln, sind viel kleiner als die Maschen der Wettermodelle. Die globalen Modelle rechnen mit Gitterabständen von etwa 9 bis 55 km, selbst die feinsten Regionalmodelle mit 1 bis 2,5 km (die Modelle hinter der Spanne). Die einzelnen Wirbel lösen sie also nicht auf; ihre Wirkung geht nur als Näherung ein, als sogenannte Parametrisierung (Wie eine Vorhersage entsteht).

Was die Modelle können, ist die Zutaten zu berechnen: Scherung, Schichtung, Wellen über Gebirgen, Gewitterneigung. Daraus leiten Turbulenzverfahren Kennzahlen ab und kombinieren meist mehrere davon (Sharman und Lane 2016). Der Deutsche Wetterdienst nutzt zusätzlich die Turbulenz-Näherung seines Modells ICON selbst und leitet daraus eine Turbulenzkennzahl für die Luftfahrt ab, die er mit Messungen von Verkehrsflugzeugen überprüft hat (Goecke und Machulskaya 2021). Heraus kommen Karten mit Gebieten, in denen Turbulenz einer bestimmten Stärke wahrscheinlich ist. Für die weltweite Luftfahrt rechnen zwei Vorhersagezentralen in London und Washington solche Karten; in Deutschland ist der Deutsche Wetterdienst für den Flugwetterdienst zuständig.

Die Grenze ist grundsätzlich: In einem vorhergesagten Turbulenzgebiet ist die Luft an den meisten Stellen ruhig, und manchmal ruckelt es außerhalb. Im Flug zählen deshalb die Meldungen der Maschinen, die kurz vorher dieselbe Strecke geflogen sind, oft mehr als jede Karte — dieselbe Idee wie beim Nowcasting: Kurz vorher gemessen schlägt lange vorher gerechnet. Warum eine Wahrscheinlichkeit für ein Gebiet keine Ausrede ist, sondern die ehrliche Form einer solchen Vorhersage, zeigt die Seite Regenwahrscheinlichkeit.

Was diese Seite nicht kann

Die Startseite zeigt Wetter am Boden — Temperatur, Regen, Wind, die Spanne aus elf Modellen. Turbulenz in Reiseflughöhe gehört nicht dazu, und sie ließe sich aus diesen Daten auch nicht seriös ableiten. Ob dein Flug morgen ruhig wird, kann diese Seite nicht sagen, und für eine bestimmte Minute an einem bestimmten Ort kann das niemand. Die Besatzung hat die Flugwetterkarten und die Meldungen der vorausfliegenden Maschinen; ihr Anschnallzeichen ist die beste Turbulenzvorhersage, die es an Bord gibt.

Nimmt Turbulenz durch den Klimawandel zu?

Die Meldung ging 2023 durch viele Medien. Sie stützt sich vor allem auf eine Studie der Universität Reading (Prosser, Williams, Marlton und Harrison, 2023, Geophysical Research Letters). Wie sie gemacht ist, bestimmt, was sie belegen kann:

Das passt zur Physik und zu anderen Arbeiten. Der Grund: In Reiseflughöhe erwärmt sich die Luft über den Tropen, während sie über den Polargebieten in dieser Höhe — dort schon in der unteren Stratosphäre — sogar abkühlt. Der Temperaturgegensatz wächst also, anders als am Boden, wo die Arktis schneller warm wird. Ein größerer Temperaturgegensatz bedeutet stärkere Scherung am Jetstream. Über dem Nordatlantik hat sie in drei Reanalysen seit 1979 um rund 15 % zugenommen, während sich die Windgeschwindigkeit im Jet selbst kaum verändert hat (Lee, Williams und Frame, 2019, Nature). Modellrechnungen erwarten bei weiterer Erwärmung mehr CAT in Reiseflughöhe (Williams und Joshi, 2013, Nature Climate Change).

Was das heißt — und was nicht

Ein durch Messungen gesicherter Trend ist das nicht. Die Studie zeigt, dass die Bedingungen für CAT in einer Reanalyse häufiger geworden sind. Ob Flugzeuge tatsächlich öfter durchgeschüttelt werden, lässt sich bisher nicht sicher sagen. Eine Auswertung von rund zwanzig Jahren Beobachtungen von Verkehrsflugzeugen auf Nordatlantik-Strecken fand zum Beispiel bei leichter Turbulenz keinen statistisch gesicherten Trend und weist darauf hin, dass solche Daten auch veränderte Flugplanung und Flugverfahren widerspiegeln, nicht nur die Luft (Tenenbaum und Kollegen, 2022). Automatische Turbulenzmessungen an Bord gibt es erst seit vergleichsweise kurzer Zeit und nicht überall, Pilotenmeldungen sind subjektiv, und Verletzungszahlen hängen auch davon ab, wie viel geflogen wird und wer gerade in der Kabine steht. Auch eine Reanalyse kann sich über vier Jahrzehnte verändern, weil mit der Zeit mehr und andere Beobachtungen einfließen.

Also weder „Fliegen wird gefährlich“ noch „alles erfunden“: Es ist ein physikalisch plausibler Hinweis aus einer Datenquelle, der zu Modellrechnungen passt und den direkte Messungen erst noch bestätigen müssen. Für angeschnallte Passagiere bleibt selbst starke Turbulenz sehr selten gefährlich. Wie man solche Aussagen über Wetter und Klimawandel allgemein einordnet, zeigt Kann man ein Unwetter dem Klimawandel zuschreiben?

Quellen

Physik der Scherungsturbulenz: Holton, J. R. (2004): An Introduction to Dynamic Meteorology, 4. Auflage, Academic Press — Richardson-Zahl und die Schwelle von etwa 0,25; dass sie eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung ist, geht auf Miles und Howard (1961) zurück. Überblick über Entstehung, Messung und Vorhersage: Sharman, R. & Lane, T. (Hrsg., 2016): Aviation Turbulence, Springer — link.springer.com. Turbulenzvorhersage beim DWD: Goecke, T. & Machulskaya, E. (2021): Aviation Turbulence Forecasting at DWD with ICON: Methodology, Case Studies, and Verification, Monthly Weather Review 149 — journals.ametsoc.org.

Verletzungen: National Transportation Safety Board (2021): Preventing Turbulence-Related Injuries in Air Carrier Operations Conducted Under Title 14 Code of Federal Regulations Part 121, Safety Research Report NTSB/SS-21/01 — ntsb.gov. Meldestufen und Kindersitze: Federal Aviation Administration, Aeronautical Information Manual und Hinweise für Reisende — faa.gov.

Klimawandel: Prosser, M. C., Williams, P. D., Marlton, G. J. & Harrison, R. G. (2023): Evidence for large increases in clear-air turbulence over the past four decades, Geophysical Research Letters 50 — agupubs.onlinelibrary.wiley.com; Lee, S. H., Williams, P. D. & Frame, T. H. A. (2019), Nature 572; Williams, P. D. & Joshi, M. M. (2013), Nature Climate Change 3 — nature.com; Tenenbaum, J. und Kollegen (2022): Aircraft observations and reanalysis depictions of trends in the North Atlantic winter jet stream wind speeds and turbulence, Quarterly Journal of the Royal Meteorological Society 148 — rmets.onlinelibrary.wiley.com.

Jetstream-Maße nach dem DWD-Wetterlexikon, wie auf Jetstream belegt; Gitterabstände der Modelle wie auf Modelle.

Beide Skizzen sind schematisch und nicht aus Messwerten gezeichnet. Wo sich eine Zahl nicht am Original nachprüfen ließ, steht hier bewusst eine Größenordnung oder gar keine. Die Angaben sind zusammengefasst, nicht wörtlich zitiert.