Tornados in Deutschland

In Deutschland werden im Mittel 48,9 Tornados pro Jahr gemeldet und qualitätsgeprüft — ein Vielfaches dessen, was vor der Jahrtausendwende in den Büchern stand. Das Wetter hat sich deshalb nicht geändert. Geändert hat sich, wer hinschaut. Diese Seite trennt beides, und sie endet bei dem Satz, den der DWD selbst schreibt: vorhersagen kann er sie nicht.

Die wichtigste Zahl dieser Seite ist keine Wetterzahl

Das DWD-Fachpapier von 2026 nennt für 2000 bis 2024 im Mittel 48,9 Meldungen je Jahr (Standardabweichung 20,3; Spanne 29 bis 69). Vor 2000 waren es Größen­ordnungen weniger. Der DWD führt das auf vier Ereignisse zurück, die alle nichts mit dem Wetter zu tun haben: die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Skywarn 1998, die systematische Erfassung ab 2001, die Datenbank Tornadoliste Deutschland ab 2003 und die europäische ESWD ab 2007. Dazu Mobiltelefone mit Kamera in jeder Hosentasche.

Meldezahl ist nicht Ereigniszahl — und das ist keine Vermutung, sondern steht in derselben Quelle. Der DWD rechnet die Dunkelziffer hoch: Über Land werden im Mittel 31 Tornados je Jahr gemeldet, tatsächlich dürften es rund 51 sein. Es fehlen also etwa 19 F0- und ein F1-Tornado pro Jahr — fast ausschließlich die schwächsten, die niemand sieht oder niemand meldet.

Zur Einordnung, weil die Seite es sonst schönredet: „Qualitätsgeprüft“ heißt bei der ESWD zwei Stufen — QC1 (bestätigt) und QC2 (durch eine wissenschaftliche Untersuchung gestützt). Die 48,9 fassen beide zusammen.

Wo die Meldelücke wirklich sitzt

0 10 20 30 15,0 34,0 F0 / unbewertet 11,1 12,2 F1 4,4 4,4 F2 0,6 0,6 F3 und mehr gemeldet (Mittel 2000–2024, nur über Land: 31 je Jahr) hochgerechnet (rund 51 je Jahr) senkrecht: Tornados je Jahr
Gemeldete gegen hochgerechnete Tornados über Land, je Jahr und Intensitätsklasse (Mittel 2000–2024). Die Lücke steckt praktisch vollständig in der schwächsten Klasse: 15 gemeldete F0 stehen rund 34 erwarteten gegenüber. Ab F2 ist kein Unterschied mehr zu sehen — ein Tornado, der Dächer abdeckt, wird gemeldet. Dazu kommen im Mittel 17,9 Wasserhosen je Jahr, die in dieser Grafik nicht stecken; deren Dunkelziffer nennt die Quelle ausdrücklich als „not quantifiable“.

Die Skala misst keinen Wind

Wenn irgendwo „F3, rund 290 km/h“ steht, hat niemand 290 km/h gemessen. Die Fujita-Skala ist eine Schadensskala; die Windgeschwindigkeit ist der aus dem Schadensbild geschlossene Wert. Der DWD nennt den Grund: In einem Gebilde dieser Größe lässt sich schlicht nicht messen.

„Da es sich um verhältnismäßig kleinräumige Phänomene handelt, gestaltet sich die direkte Messung der Windgeschwindigkeiten innerhalb des Tornados aber sehr schwierig.“

DWD, Thema des Tages vom 11.04.2024.

Die amerikanische Behörde schreibt es noch deutlicher über ihre eigene, verbesserte Fassung der Skala:

„The Enhanced F-scale still is a set of wind estimates (not measurements) based on damage.“

NOAA Storm Prediction Center, Online Tornado FAQ.

Drei Skalen, ein Zahlenstrahl

0 50 100 150 200 250 300 350 400 450 500 550 Fujita-Skala (F) — DWD-Wetterlexikon F0 F1 F2 F3 F4 F5 Enhanced Fujita (EF) — NOAA, Drei-Sekunden-Böe EF0 EF1 EF2 EF3 EF4 EF5 Internationale Fujita (IF) — ESSL, Zentralwerte IF0 IF0,5 IF1 IF1,5 IF2 IF2,5 IF3 IF4 IF5 Windgeschwindigkeit in km/h F6 bis F12 (≥ 513 km/h) sind Rechenwerte — nie beobachtet
Dieselbe Achse, drei Systeme. Die Fujita-Skala (F, oben) teilt in Bereiche und wird vom DWD-Wetterlexikon so geführt. Die Enhanced-Fujita-Skala (EF, Mitte) ist seit dem 01.02.2007 in den USA operationell und bezieht sich auf Drei-Sekunden-Böen; ihre Grenzen sind in Meilen je Stunde festgelegt und hier mit dem Faktor 1,609344 umgerechnet. Die Internationale Fujita-Skala (IF, unten) des europäischen ESSL gibt keine Bereiche mehr an, sondern Zentralwerte mit halben Stufen — IF3 zum Beispiel 290 km/h. Dass drei Skalen dieselbe Erscheinung verschieden beziffern, ist kein Schlamperei-Problem: Sie messen alle dasselbe Nicht-Messbare, nur mit verschiedenen Konventionen.

Was in Deutschland tatsächlich vorkommt

Intensität der 1222 qualitätsgeprüften Meldungen 2000–2024
StufeAnteilEinordnung
F066,6 %Äste ab, Ziegel gelockert. Zwei von drei Meldungen.
F123,2 %Dächer abgedeckt, Wohnwagen umgeworfen.
F29,0 %Ab hier gilt ein Tornado als signifikant.
F31,1 %Rund ein Dutzend Fälle in 25 Jahren.
F4 / F50 %Seit 2000 kein einziger.

Rund neun von zehn deutschen Tornados sind also F0 oder F1. F4 verzeichnet die ESWD-Datenbank für Deutschland 15-mal — alle vor 2000, der letzte am 24.05.1979 in Bad Liebenwerda. F5 gab es zweimal, und beide Male ist es lange her: am 23.04.1800 in Dittersdorf und am 29.06.1764 bei Woldegk.

Wasserhosen sind dabei keine eigene Kategorie, sondern Tornados über Wasser. Sie machen 36,6 % aller Meldungen aus (447 von 1222), im Mittel 17,9 je Jahr, mit einem ausgeprägten Gipfel im August.

„Wir können keine Tornados vorhersagen“

Der Satz ist keine Zuspitzung dieser Seite, es ist die Überschrift eines DWD-Beitrags. Was geht, ist etwas anderes:

„Tornados kann man aufgrund ihrer Kleinräumigkeit im Vorfeld nicht vorhersagen. Man kann aber mit Hilfe von ‚Kochrezepten‘ Regionen bestimmen, wo die Auftrittswahrscheinlichkeit deutlich erhöht ist …“

DWD, Thema des Tages vom 19.07.2021.

Die DWD-Broschüre beziffert das: Auf ein erhöhtes Tornadorisiko in einer Region kann höchstens 18 Stunden vorher hingewiesen werden — nicht Tage. Eine Warnung für einen konkreten Ort entsteht in der Regel erst, wenn eine rotierende Wolkenstruktur gesichtet und gemeldet wurde; dann bleiben 15 bis 60 Minuten. Höchstens ein Zehntel aller Superzellen bringt überhaupt einen Tornado hervor.

Das ist derselbe Befund wie auf der Seite Vorhersagbarkeit, nur in seiner unangenehmsten Form: Ein Tornado ist um Größenordnungen kleiner als das, was ein Vorhersagemodell abbildet. Was den „Motor“ dahinter angeht — die rotierende Gewitterzelle —, steht das auf der Seite Superzelle; die Gewitterlage selbst behandelt Gewitter.

Wie nah ist der nächste?

Die anschaulichste Zahl des Fachpapiers ist eine räumliche: Für 98 % aller Orte in Deutschland wurde der nächstgelegene Tornado innerhalb von 20 km gemeldet, für 70 % innerhalb von 10 km. Es gibt also keine tornadofreie Gegend — es gibt nur unterschiedliche Meldedichten: an der Nordseeküste 77,2 Meldungen je 10.000 km², im Alpenraum 6,9. Zeitlich häufen sie sich am Nachmittag; 62,1 % der Meldungen mit Zeitangabe fallen in das Fenster zwischen 11:30 und 17:30 UTC.

Was hier bewusst nicht steht

Quellen